Die Mär von den überbordenden Netzkosten

Schick, ein Blogeintrag thematisiert, was augenscheinlich schon viele vermutet und teils auch ‘ermessen’ haben — und die Telekom reagiert:

Verschwörungstheoretisch würde es ins Bild passen: Die Telekom denkt über Serviceklassen für gesicherte Qualitäten nach und um Druck zu machen, drosselt sie die Kapazität bzw. zahlt dem US-Provider nicht genug Geld für Aufstockung. Achtung! Letzteres müsste eigentlich zum Aufschrei der Community führen, denn dann würde die Telekom ja aktiv durch andere Netzbetreiber diskriminiert – es sei denn, sie zahlt! [...]

 
Netter Versuch, aber von der bedingungslosen Bandbreite bis zum Abwinken sind sowohl die Kunden der Telekom als auch die Telekom als Kunde anderer Anbieter noch weit entfernt. (Kostenloses) Peering ist doch nur eine vereinfachte Verrechnung: ich will 500 TB in Dein Netz schieben, Du 500 TB in meins, anstatt daß Du mir 500 TEUR/Monat in Rechnung stellst und ich Dir 500 TEUR/Monat, machen wir’s zu jeweils eigenen Kosten. Das funktioniert unter gleich großen Spielern ganz gut, bei einem großen Sauger aus US-Quellen wie dem (Endkunden-) Netz der Telekom wird jene für adäquate Anbindung an das Netz mit den Informationen, die die Kunden wollen, eben bezahlen müssen — entweder mit relevanten Inhalten für US-Bürger oder angeschlossene Netze oder eben mit harten Euronen. Denn, ja, Netze kosten, einmal verbuddeln und vergessen reicht nicht.

Aber jetzt wieder zum Thema aus dem Blog stadt-bremerhaven: Ich weiß nicht, was der Hintergrund bei anderen Netzbetreibern ist, bei der Telekom ist die Beobachtung aber richtig – ja, es läuft langsamer. Allen Verschwörungstheoretikern zum Trotz sind die begrenzten Kapazitäten im Netz die Ursache: Die Nachfrage nach YouTube-Videos explodiert, deshalb werden wir die Kapazitäten jetzt verdreifachen. [...] Qualitätsklassen, die diskriminierungsfrei angeboten werden, können die Refinanzierung auch auf die Anbieter der Inhalte verlagern. Für einige Services ist eben zu jeder Zeit eine bestimmte Qualität notwendig – so können Netzbetreiber Inhalte, die viel Netzkapazität benötigen, störungsfrei zu jeder Tageszeit zum Anschluss bringen. Anbieter können einwandfreie Services bieten, Kunden können sich auf Verfügbarkeit verlassen, Betreiber investieren in den Ausbau. [...]

 
Die rosa Brille scheint festgewachsen, allerdings verwundert das natürlich im Blog der Telekom nicht besonders :-) Darum möchte ich den Absatz doch mal kurz sezieren:

  • Bemerkenswert ist ja die Aussage »deshalb werden wir die Kapazitäten jetzt verdreifachen« — wenn das so einfach geht, warum nicht früher, anstatt den Kunden Highspeednetz in der Werbung vorzugaukeln und ‘ne Wurfleitung faktisch anzubieten?
  • Die Bezahlung der Leistungen ist schon, mehrfach, erfolgt.
    • Es zahlt jeweils der Anbieter an seinen direkten Netzlieferanten.
    • Es zahlt jeder Endkunde für eine Regelbandbreite; der moderne Zusatz »bis zu« greift bei der technischen Anbindung der Last Mile, nicht aber für den Backbone und die Netzübergänge.
  • Natürlich gibt es für 19,95 im Monat keine garantierten 16 MBit/sec zu jedem einzelnen Rechner auf diesem Planeten. Aber: »Best Effort« ist es eben auch nicht, wenn man ein bestehendes und erkanntes Überlastproblem nicht behebt. Das wäre »Least Effort«, dafür wären auch 1,95/Monat zu viel.
  • »Die Refinanzierung auch auf die Anbieter der Inhalte verlagern« heißt nichts weiter, als auch was von dem Kuchen des direkten Providers abhaben zu wollen; um beim Telefon zu bleiben, dem traditionellen Geschäftsfeld der Telekom, um das erhöhte Gesprächsaufkommen durch unerwünschte Werbeanrufe schultern zu können nach dem Preisverfall in den letzten Jahrzehnten (von umgerechnet ca. 10 EUR/h Ferngespräch auf heute rd. 0,6 EUR/h — 60 Minuten zu je 1 Cent), muß jeder Telekom-Kunde nun pro angenommenem Anruf 5 Cent pro Minute zahlen? Denn die Callcenter zahlen ihren Carrier ja schon, für welchen Mehrwert sollten sie an die Telekom also noch zahlen? Bleibt als Melkvieh doch nur der eigene Kunde …

Letztlich argumentiert die Telekom hier ähnlich schräg wie die privaten TV-Anstalten beim HD+-Unsinn: für eine technisch überflüssige Verschlüsselung und Einschränkungen bei der Nutzung soll der Kunde, bitte schön, mehr zahlen, schließlich biete man ja auch einen Zusatznutzen — für die Anstalten (Werbeüberspringverbot, Verschlüsselung des zuvor unverschlüsselten Signals). Für den Kunden bedeutet HD+ nur Nachteil an Nachteil, es ist ein technisches Dongle zur Etablierung eines neuen Geschäftsmodells, welches man sich vom Nutzer bezahlen läßt.