Fiktion und Realität im Medienzeitalter

»Rostock: Polizei inszeniert Festnahme« ist ein Artikel auf de.indymedia.org vom 03.06.07, 17:42 betitelt. Darin wird der Polizei massive Provokation in Form einer gestellten Festnahme vorgeworfen, ein reichlich unscharfes und durch die wohl mehrfache (Re-)Kompression (welche Kamera nimmt mit 448×360 Pixel in RV30 auf?) fast weichsgespült zu nennendes Video soll dies beweisen.
Ja, man kann dort gegen Ende die Verhaftung sehen.

Man erkennt zwei komplett schwarz vermummte Gestalten, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht im Block zu Migration mitgelaufen waren. Diese tuscheln kurz miteinander, eine Person steckt der anderen etwas zu. Dann verlassen sie das Bild. Sekunden später kommen zwei Zivilpolizisten ins Bild. Auch diese besprechen sich kurz und telefonieren. Eine der vermummten Personen erscheint wieder im Bild und wird von den beiden verdeckten Ermittlern (scheinbar) angegriffen; diese winken sodann Verstärkung herbei.

 
Soweit, so … naja. All das kann man sehen; was man aber nicht sieht ist die Vorgeschichte — und was sie sich gegenseitig zusteckten. War es ein Liebesbrief — oder ein Terrorplan? War die Szene gestellt, war sie echt? Ist Vermummung nicht verboten und kann das nicht eine Präventivmaßnahme gewesen sein?
Eine weitere Nuance der rechtstaatlichen Fragwürdigkeit der Aktionen im Dunstkreis des G8-Gipfels von Heiligendamm wäre es, wenn tatsächlich, wie der Autor mit dem bezeichnenden Namen »Find it out…« auf Indymedia dann aus fehlender Gegenwehr schlußfolgert, eine gestellte Verhaftung gewesen sein sollte:

Der Vermummte setzt sich nicht im Geringsten zur Wehr; im Gegenteil, er lässt sich willfährig festhalten und unternimmt keinerlei Fluchtversuch, obwohl er nur halbherzig festgehalten wird. Offensichtlich handelte es sich also auch bei den beiden Vermummten um Polizeibeamte. Beide Vermummte (oder Vermummte überhaupt) hatten bis zu diesem Zeitpunkt nicht an der westlichen Demonstration teilgenommen. Auf die fingierte Festnahme folgen Flaschenwürfe durch herbeieilende Demonstrant_innen und der Einsatz der Polizei.

 
Bislang gibt es, glaube ich, keine Stellungnahme von offizieller Seite zu den Vorwürfen.
Aber hier ersteinmal das besagte »Beweisvideo« als Flashstream – das Orginal gibt es bei de.indymedia.org.

(Quelle: de.indymedia.org, lokale Formatwandlung RealVideo -> FLV für Player-Darstellung; vgl. Artikel auf Indymedia!)

Ein anderer Text beschreibt auch ersten fliegende Steine:

Ich selbst beobachtete aus nächster Nähe folgende Szene: […] Demonstranten versuchten mit langsamem Weitergehen und Kettenbildung die Sperre durch massenweise aufgefahrene Beamte zu übergehen, die Beamten zückten ihre Knüppel und drohten offensiv mit Angriff. Dadurch eskalierte die Stimmung, Personen – zumeist aus dem schwarzen Block – rissen erste Gehwegplatten aus, um sie als Wurfgeschosse zu benutzen. Immer wieder griffen währenddessen Beamte in den Demozug ein, meist an Stellen, wo es friedliche Demonstranten traf, da sie an anderer Stelle nicht eindringen konnten.

 
Verschwörungstheoretisch paßte es natürlich hervorragend; nichts wäre für Hardliner wie Schäuble oder Beckstein schlimmer als eine vollkommen friedliche Demonstration von zigtausend Menschen, zumal gegen G8. Das Ausbleiben einer solchen wird denn auch schon wieder ausgenutzt:

Der Vorsitzende des Parlamentarischen Innenausschusses, Peter Trapp, kündigte an, dass er den Einsatz heute im Ausschuss diskutieren werde. Trapp will die Polizei bitten, den Abgeordneten Videos der Polizei vorzuführen. “Was ARD und ZDF gezeigt haben, soll nur 20 Prozent des Krawalls gewesen sein”, sagte Trapp.

Quelle: tagesschau.de, 04.06.2007 20:04 Uhr

 
Was nun wirklich der Auslöser war … Ein Kollege kommentierte »der “schwarze block” hat sich nur verteidigt. ich war dabei und konnte sehen, wie brutal und provokativ die polizei ohne echte gruende angefangen hat wahllos leute zu verhaften und die demo zu blockieren. sie haben schnell zugeschlagen und sannis nicht durchgelassen. erst dann sind die ersten steine geflogen und fing an zu eskalieren. gute berichte gibts unter http://gipfelsoli.org/Repression«
Nun, ich war nicht dabei. Andere, z. B. grasswurzel.tv, schon. »ohne echte gruende angefangen hat wahllos leute zu verhaften« — die Festgenommenen waren nicht zufällig vermummt (was m. W. ganz deutlich nicht erlaubt ist und somit neben einer Provokation auch eine Steilvorlage darstellt)? graswurzel.tv:

Was Ursache und was Folge der Eskalation war, scheint ähnlich schwierig zu beantworten wie die Frage nach Henne und Ei. Auffällig war jedoch, dass es auf beiden Seiten Gewaltbereitschaft und Eskalationswillen gab, während der größte Teil der Demonstration sich friedlich vor der Hauptbühne versammelte und am Rande versuchte die Situation deeskalierend zu entspannen.

 
Wer immer womit angefangen hat — das Abfackeln des einzeln stehenden Autos, tat das Not? Hatte es wenigstens einen GdP-Aufkleber, oder lief das MHD des Molotowcocktails gleich ab?

BBC, Torchwood, Doctor Who

Anläßlich des Stolperns über die Lobpreisung Isotopps der Serie Torchwood – und da ich grade die Kommentarfunktion für den Blogbesitzer bei SPHPBLOG kaputt gemacht habe auch als Antwort auf hans’ Frage –, ein paar Worte zum BBC-Empfang in Ostwestfalen. Da die zweite Staffel erst 2008 ausgestrahlt werden soll ist genug Zeit, sich derlei für den Eigenbedarf zu überlegen. (Hat jemand konkrete Infos zur angebliche geplanten Wiederverschlüsselung des derzeitigen FTA-Angebots von BBC und ITV?)
Ausgehend von einer Übersichtsseite zum Astra-2D-Empfang in Deutschland habe ich weiter gegoogelt und bin schlußendlich zu dem Ergebnis gekommen, für die aktuell laufende Doctor-Who-Staffel (Nummer Drei nach der Reanimation 2005) es erstmal mit ‘ner 80er Baumarktschüssel (25,00 EUR) zu versuchen. Als Quad-Switch-LNB kommt ein Gerät von »Inverto« für gut 20 Euro zum Einsatz, dahinter 30m 4-in-1 Sat-Kabel (ca. 20 der 30m liegen noch aufgerollt rum, harren eines Zuganges in den Keller zur Haus-Sat-Anlage; derzeit sind 2 Sat-Karten per Fensterdurchführung angeschlossen). Damit meine VDRs sowohl Astra-1 als auch Astra-2 empfangen können, kamen noch DiSeQ-Switches dazu (aktuell 2, jeweils ca. 6 Euro). Noch ein bißchen Konfiguration an den VDRs (DiSeQ-Steuerung aktivieren; Kanallisten pimpen, sodaß Astra-2-Sender via Karte 2, Astra-1-Sender via Karte 1 nur zu empfangen versucht werden – ich fahre je VDR derzeit ein 2-Karten-Setup und habe zum Test jeweils nur auf 1 Karte Astra-2 via DiSeQ-Switch bereitgestellt), Installation eines Web2EPG-Tools (BBC, ITV strahlen nur »now & next«-EPG aus, d. h. man erfährt nur etwas über die Sendung, die grade läuft und die, die als nächste ansteht – schlecht für längere Planungen) — und fertig.
Die Empfangsqualität lt. VDR-Anzeige ist vergleichbar gut, wenn nicht besser, wie das, was die Haus-Satanlage für Astra-1 liefert. Beim ostwestfälischen Starkregen allerdings fallen sowohl der Empfang von Astra-1 als auch von Astra-2 aus :(

Ständchen für Wolfgang und Günther …

(Video Die Ärzte, Schunder-Song)

Nein, ich billige nicht gewalttätige Ausschreitungen in Rostock oder sonstwo — eigentlich sonderbar, daß man das heutzutage explizit schreiben muß.
Aber Augenmaß auch bei der öffentlichen Wortwahl darf man von verantwortungsvollen Politikern eigentlich erwarten — leider gibt es davon nicht mehr viele:

Der bayerische Innenminister Günther Beckstein verteidigte dagegen die Maßnahmen. Unter den erwarteten 100.000 Demonstranten seien einige Tausend gewaltbereit, sagte er im ZDF. Eine Differenzierung, wer reinkomme und wer nicht, sei vor Ort nicht möglich. “Wenn einer meint, dass er auf Sichtweite an den amerikanischen Präsidenten rankommt, ist er geistesgestört”, sagte der CSU-Politiker.
Quelle: tagesschau.de (01.06.2007 17:57 Uhr)

 
Ich bin ja geneigt zu vermuten, daß solcherlei Ausfälle gezielt eingesetzt werden, um den eigenen Standpunkt zu bekräftigen; daß an bösen Gerüchten zur bayerischen Genesis etwas dran sein könnte, nein, das habe ich bislang vehement bestritten.
Klar wird mit solchen Aussagen allerdings, welch Geistes Kind Günther Beckstein ist. Von mündigen Bürgern hält er offensichtlich nichts, von ehedem ehernen Werten der Verfassung ebensowenig — bloß nicht den mächtigsten Mann der Welt verärgern. Was sind dagegen schon zehntausende Bürger Untertanen?
Ich halte es jedenfalls für nicht unwahrscheinlich, daß die öffensichtlich überrascht habende Stärke der auf Krawall fixierten Demonstrationsmitläufer auch und grade den maßlos überzogenen Vorkehrungen in und um den G8-Gipfel in Heiligendamm geschuldet ist.

Der Innenminister von Schleswig-Holstein, Ralf Stegner (SPD), erneuerte seine Kritik an der aufgeheizten öffentlichen Sicherheitsdebatte. Er warnte im Hessischen Rundfunk davor, “Demonstranten und Terroristen in einen Topf” zu werfen. Es habe in den letzten Tagen “einige törichte Äußerungen” gegeben. Das habe die Lage zusätzlich verschärft. Man könne Gefahr nämlich auch herbeireden, sagte Stegner. Die überwiegende Mehrheit der Globalisierungsgegner wolle friedlich demonstrieren. Mit den wenigen, die nichts Friedliches im Sinn hätten, werde die Polizei auch fertig, betonte Stegner.

Quelle: tagesschau.de (31.05.2007 17:03 Uhr)

 

Mit Blick auf den verbalen Schlagabtausch zwischen Sicherheitspolitikern und Gipfelkritikern mahnte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, künftig “mit den Worten vorsichtiger zu sein”.
Quelle: tagesschau.de (26.05.2007 07:51 Uhr)

 
An dieser Stelle denn auch ein »Dank« an den Schwarzen Block — es ist nicht auszuschließen, daß Ihr mit Eurer Randale-pur-Einstellung dem Verfassungsgericht die Steilvorlage geliefert habt, zu der es noch fehlte …

Nach Angaben der Polizei haben “mehrere tausend militante Autonome” kurz nach Beginn der insgesamt zwei Protestzüge zur Abschlusskundgebung einen geschlossenen “Schwarzen Block” gebildet, aus dem heraus später Einsatzkräfte attackiert worden seien. Nach Darstellung der Polizei waren die Einsatzkräfte mit Stöcken, Steinen und zerbrochenen Gehwegplatten “in bisher nicht gekannter Brutalität” angegriffen worden.
Bayerns Innenminister Günter Beckstein (CSU) […] [forderte in] der “Bild”-Zeitung […], verstärkt schon potenzielle Gewalttäter in Gewahrsam zu nehmen. “Wer zum Beispiel Tränengas in der Tasche hat, muss bis zum Ende des G8-Gipfels in Unterbindungs- Gewahrsam genommen werden”.
[…] Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte: “Es ist leider so, dass wir heutzutage mit so etwas rechnen müssen.” Rostock sei ein Beleg dafür, dass die Sicherheitsmaßnahmen der Polizei “leider notwendig sind”.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, nannte die Rostocker Krawalle eine “neue Qualität der Gewalt”. Die Gewalttäter seien an einem friedlichen Verlauf nicht interessiert – unabhängig vom Verhalten der Polizei.
Quelle: phoenix.de (03.06.2007)

 

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen von G8-Gegnern in Rostock erhebt die Linkspartei schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden. “Wir bedauern, dass auf der Kundgebung genau die Bilder provoziert wurden und entstanden sind, die die Bundesregierung und ihre Einsatzkräfte zur Legitimation ihrer wochenlangen Repressions-Kampagne gegen G8-Kritikerinnen und -Kritiker brauchte”, sagte die Linkspartei-Vizevorsitzende Katina Schubert in Berlin.
Quelle: tagesschau.de (03.06.2007 17:10 Uhr)