Mobil ohne (eigenes) Auto

Vor gut einem Jahr startete ich mit dem Experiment »Carsharing« — mit Flinkster von der Deutschen Bahn in Berlin. Nachdem ich wenige Wochen nun auch Kunde von DriveNow (BMW/Sixt) bin, Flinkster ein standortunabhängiges Modell a la DriveNow/car2go mit Elektrofahrzeugen ankündigte und auch die Telekom auf der IFA 2012 einen solchen Piloten präsentierte, ist es Zeit, mal zu resümieren.

Telekom auf der IFA

IFA'12: Erläuterungen zum Pilotprojekt zur Elektromobilität

Auf der diesjährigen IFA hatte ich — auf Einladung der Deutschen Telekom — Gelegenheit, mir einige der Showcases dort anzusehen, und beim Thema Carsharing/Elektromobilität blieb ich etwas länger hängen.

Ich bin bein Flinkster schon Hybrid- und vollelektrische Fahrzeuge (Citroen C Zero) gefahren, und, ganz im Ernst, die rein batteriegetriebenen Kisten finde ich irgendwo schon geil. Die sind so leise, daß ich mich ernsthaft Frage, ob — wie heutzutage das Relais-Geklackere des Blinkers — vielleicht ein Motorengeräusch simuliert werden muß, damit solche Leute wie ich, die sich auf eine Geräuschkulisse der Fahrzeuge beim Überqueren von Straßen mindestens so, wenn nicht stärker, verlassen wie auf den links-recht-links-Blick, nicht sozial unverträglich zu früh abgelebt werden.

IFA'12

Kurzer Ausflug zu dem, was die Telekom als Piloten, der in ihrer »T-City« ansteht, verlautbaren lies: es wird dort »unten« ein Pilotprojekt geben, bei dem Elektrofahrzeuge (von e-Flinkster?) flexibel, also ähnlich wie bei DriveNow/car2go von einem fest zugewiesenen Parkplatz unabhängig, per App gebucht werden können und an anderer Stelle zurückgegeben werden können. Die Deutsche Telekom, wenig überraschend, tritt hier nur als Infrastrukturdienstleister in, oder vielleicht sogar nicht, Erscheinung — die Kfz-Flotte stellt ein Unternehmen, die Ladesäulen z. B. ein Energieversorger, und die ganze Telekommunikation z. B. die Telekom.

IFA'12

Wie eingangs erwähnt, ich mag zwar kein ganz early adopter in dem Bereich sein, aber immerhin, DriveNow hatte ich schon vor der IFA mal ausprobiert und insofern waren weder die gezeigte App noch das Prinzip für mich wirklich neu. Konkret auf das Mailing von Flinkster von Anfang August angesprochen, Zitat:
 

der Carsharing-Markt ist seit einiger Zeit in Bewegung geraten und auch wir bewegen uns weiter. Ab September 2012 steht Ihnen das neue Carsharing-Angebot von Multicity zur Verfügung. Zunächst in Berlin, später auch in weiteren deutschen Städten, haben Sie Zugriff auf Deutschlands erstes 100 Prozent elektrisches Carsharing. Und das in einem flexiblen System, bei dem die Stationsbindung entfällt und die Rückgabe der Fahrzeuge in einem definierten Innenstadtgebiet auf jedem öffentlichen Parkplatz zulässig ist. Weitere Informationen hierzu erhalten Sie in Kürze über www.flinkster.de.

… konnte der Telekom-Mitarbeiter leider nicht konkret werden. Man arbeite mit Partnern, es sei noch nichts entschieden, man spräche mit mehreren Interessenten —- man kennt das, wobei ich mir gewünscht hätte, daß die Telekom hier ihren Repräsentanten besser gebrieft hätte. Zu seinem Wohlbefinden, wohlgemerkt.

Flinkster

Rechnung für Einkaufsfahrt mit elektrischem Flinkster-Kfz

Wohlan, Elektrofahrzeuge sind bei Flinkster schon seit mindestens einem Jahr Usus — nur leider sind sie auch prohibitiv, ja IMHO unverschämt, teuer.
 
Kurzer Einschub: ich nutze seit Ende eines dreimonatigen Forschungsprogrammes in Berlin letztes Jahr, wo für unter 80,– im Monat die BVG-Card für Berlin ABC, der Berlin-Tarif für Flinkster (geringere Stunden-, höhere km-Preise gegen monatlichen Obolus) und irgendein komischer Fahrrad-Tarif (sorry; ich habe ein eigenes Fahrrad in Berlin; wieso sollte ich an Stationen eins mieten, um es an einer anderern Station — statt an meinem Zielort — zurückzugeben?) inklusive waren, den Deutschland-Tarif von Flinkster — keine monatlichen Kosten, allerdings habe ich eine Haftungsreduzierung für ~100 EUR/Jahr abgeschlossen.
 

Rechnung für Einkaufsfahrt mit Flinkster

Auf dieser Basis miete ich mir ca. 1x pro Woche für ca. 2 Stunden ein Auto bei Flinkster, um den Wocheneinkauf (inkl. Getränkekiste(n)) zu erledigen — Kostenpunkt um und bei 6 EUR.

Für ein — angeblich ja so umweltschonendes — Elektrofahrzeug zahle ich locker 12,– Euro alleine für die gebuchte (und aufgrund der fixen Standplätze der Flinkster-Fahrzeuge auch benötigten) Zeit — siehe Abrechnung. Jetzt ratet mal, welche Fahrzeuge ich bei Flinkster bevorzugt buche …

Jetzt kann man fragen: Braucht man das (ein Auto zum einkaufen)? Nun, ich komme vom Land, aus der norddeutschen Pampa, wo der Führerschein ab Geburt angespart, die Fahranfängermöhre gegen kleines Geld dem Schrott entrissen wird. Weder schiebe ich Einkaufswagen in Trams …

… noch habe ich irgendwas, wo ein Lieferdienst mir verderbliche Ware hinliefern könnte — außer zu mir nach Hause nach ca. 22 Uhr, wo Lieferdienste entweder schlafen oder horrende Aufpreise verlangen würden. Somit, in meiner Vita, ist die Antwort ein klares »JA!!!«.

DriveNow

Allerdings gehen mir die festen Abstellplätze von Flinkster langsam auf den Keks; da ich i. d. R. kurzfristig buche, so gegen 19 Uhr für ab ca. 20 Uhr, bekomme ich selten einen wirklich gut zu meiner Wohnung (und Einkaufsgegend) gelegenen Wagen. Ja, Flinkster-Autos stehen bevorzugt in der Laufweite von Bahnhöfen (U- oder S-Bahn), aber dennoch, zwei oder mehr Stationen weiter zu fahren, um ein Auto zu holen, ist irgendwie … bäh. Ergo: Auftritt DriveNow.

Rechnung für Einkaufsfahrt mit DriveNow

DriveNow definiert ein Gebiet, in dem die Fahrzeuge auf jedem (öffentlichen) Parkplatz, sei er gebührenpflichtig oder sogar Anwohnerparkausweis-pflichtig, einfach abgestellt werden können. Das ist ersteinmal Carsharing, wie ich es mir vorstelle: App gezückt, Auto in der Nähe ausgeguckt, gebucht und hingelatscht. Per RFID/NFC Auto aufgeschlossen und ab dafür.
 

Das ist modern, bequem — und geeky.

DriveNow: Nach der IFA ist vor dem Taxi

Soweit die Theorie. In der Praxis bewegen sich diese Autos so, wie die Menschen auch — zum Feierabend weg von den Zentren, z. B. der IFA. Wäre ich also nicht von der Telekom in die Innnestadt (Ost) gekarrt worden, hätte ich nach meinem IFA-Besuch doch ‘ne Taxe oder den ÖPNV bemühen müssen, denn die Minis und kleinen BMWs mit lustigen Namen waren alle weit, weit weg.
 

Was noch viel schwerer wiegt: DriveNow ist, verglichen mit Flinkster, schweineteuer. 40 Minuten DriveNow, ca. 50/50 fahren und parken, schlagen mit munteren 8 Euro zu Buche — rd. 120 Minuten Flinkster — dreifache Zeit — mit vergleichbarer Fahrstrecke kosten unter 6 Euro, 20% weniger. (Die über 12 Euro bei Nutzung eines Flinkster-Elektrofahrzeugs halte ich, wie gesagt, für prohibitiv und IMHO unanständig teuer.)

Fazit

Ja, es geht ohne eigenes Auto in Berlin, auch für ein Landei wie mich.

Vom Auto- zum Bahnfahrer wurde ich durch einen dezenten Tipp unseres Schutzengels; so, wie damals locker meine kleine Familie hätte über den Jordan gehen können, haben auch mich wiederholt nur glückliche Umstände von einem übermüdeten Ende an einem Brückenpfeiler oder unter einem LKW bewahrt, als ich mich noch Freitag abends auf den Weg per Auto nach Gütersloh oder Sonntag Nacht von Gütersloh nach Berlin machte. Kein Spaß …

Gut, heute fahre ich die Strecke mit der Bahn und der verbliebene, neuere A6, steht in GT. Und natürlich würde ich gerne auch zum Einkauf in Berlin »umweltfreundlich« fahren. Aber ich glaube nicht zu den derzeit offerierten Tarifen.

Multicity untersützt Android nicht -- #FAIL, @MulticityCS

Sofern die aktuellen Elektromobil-Tarife von Flinkster genauso wirtschaftlich kalkuliert wurden wie die für Fahrzeuge mit fossilen Brennstoffen, dann hat Elektromobilität meines Erachtens die nächsten 10 Jahre — sprich, solange Mineralöl noch halbwegs bezahlbar vernichtet werden kann — keine Zukunft. Und leider klingt auch e-Flinkster/Multicity nicht so, als wollten sie Heerscharen von Kunden an sich binden:
 

  • Im Starter-Tarif zahlen Sie 2,50 EUR pro 10 Minuten Fahrtzeit.
    Das ist alles. Keine Grundgebühr, keine Mindestmietdauer und auch keine Parkkosten (wenn Sie das gemietete Fahrzeug auf einem zulässigen Parkplatz abstellen).
  • Im Vielnutzer-Tarif zahlen Sie 2,00 EUR pro 10 Minuten Fahrtzeit und eine monatliche Grundgebühr von 10,- EUR.

Mal kurz überschlagen, 2,50 EUR auf 10 Minuten sind sind 0,25 EUR/Minute — so weit entfernt von DriveNows 0,28 EUR/Minute ist das jetzt nicht, und damit weiterhin Lichtjahre entfernt von dem, was ich zu zahlen bereit bin. Von der ungünstigen Taktung ganz zu schweigen …

Super auch, daß Multicity-Jünger auf Flinkster-Autos zugreifen könenn — von dem umgekehrten Weg als Flinkster-Kunde habe ich nichts gefunden. Gepaart mit der nicht vorhandenen Unterstützung von Android bei Multicity ein doppelter #Megafail:

  • 100% mobil: Multicity Carsharing Kunden können nach Einwilligung in die jeweiligen AGB alle Flinkster und e-Flinkster Fahrzeuge sowie das „Call a Bike“ Angebot der Deutschen Bahn nutzen. Für BVG-Kunden gibt es besondere Vorteile: vergünstigte Registrierung,Freiminuten, etc.
  • 100% übersichtliche Kosten: Einfache Tarifstruktur mit fairen Preisen

Nundenn, »Multicity«, ich bin BVG- und Flinkster-Kunde — was hast Du mir zu bieten?!