#simquadrat die Zweite

Nach anfänglicher Enttäuschung, “simquadrat”, sipgates Mobiltelefonieprodukt mit Festnetznummer, noch nicht am Wochenende ausprobieren zu können, machte ich Freitag vor der Abreise ins Wochenende noch einen Abstecher zum Briefkasten meiner Berliner Wohnung. Und ja, auch meine SIM war da — es folgen erste Eindrücke nach gut einem Tag Nutzung …

Data

Das ausbrechen der Micro-SIM aus der Mini-SIM war etwas destruktiv, hätte den dann leeren Träger gerne heil gelassen, aber das klappte nicht. Die Aktivierung der SIM per Webfrontend klappte kurz und schmerzlos, und es war auch sofort danach eine Nutzung möglich — ganz anders als bei Lidl/FONIC/o2, wo es Stunden dauert, bis das Einbuchen möglich ist.

Als Netzanbieter wird ‘sipgate’ angezeigt, das zugrundeliegende Netz ist bekanntlich das von e+. Und dies ist für mich — und ggf. andere — auch gleich das große Fragezeichen.

sipgate, GT Unter den Ulmen I

e+ hat sich in den vergangenen Jahren eher als Billigheimer positioniert, das heitere ‘mein Netz ist schneller als Deines’ der Konkurrenten — Stichwort HSPA — lange ignoriert und statt dessen mit günstigen Flatrates für Sprache und/oder Daten sein Glück versucht. Insofern kam bis jetzt e+ für mich nicht in Frage, denn UMTS an sich ist mit 384 kbit/sec (wenn auch in beide Richtungen) das ‘DSL light’ heutiger Mobilfunktechnik. Am Rande hatte ich vernommen, daß e+ nun langsam doch sowohl mit LTE anfangen als auch HSPA ausbauen wolle, aber, ernsthaft, wer das solange nicht getan hat, den nehme ich für mein bandbreiten-orientiertes Nutzungsverhalten auch nicht ernst.
 
Zur Leistungsfähigkeit des e+-Netzes auf der ICE-Strecke Gütersloh-Berlin möchte ich noch keine Aussagen treffen, denn Freitag abend war das Verhalten sehr sonderbar: häufiger wurde zwar ein starkes Mobilfunknetz angezeigt, eine Datenverbindung allerdings ins Internet funktionierte nicht; da ich nicht ausschließen kann, daß evtl. die Freischaltung dieser SIM für diesen Dienst sich noch nicht komplett im Mobilfunknetz verbreitet hatte, bewerte ich das erst einmal nicht und werde es auf der Rückfahrt am Montag beobachten.

sipgate, GT real,- I

Ansonsten allerdings sind die ersten Speedtests — für und wider dahingestellt, es ist eine Anwendung, die mit ziemlich gut wiederholbaren Abläufen arbeitet und damit zumindest in Größenordnungen ein vergleichbares Ergebnis liefert — eher irritierend. Freitag abend, siehe oben, waren in Güterslohs Innenstadt nur rd. 500 kBit/sec im Down- bei gut 1000 kBit/sec im Upstream verfügbar. Ein zweiter Test danach bestätigte die Tendenz. Auch am Samstag waren die Werte weit entfernt von den beworbenen Werten:
 

Mit der integrierten Datenflat unbegrenzt im Internet surfen, die ersten 1.000 MB mit bis zu 7,2 Mbit/s.

VF D2, GT Schalückstr. I

Zum Vergleich, quasi als »Beweis«, daß zumindest in der Größenordnung die Werte des »Speedtest«-Tools auf dem Nexus 7 einigermaßen hinkommen, habe ich T-VDSL ebenfalls getestet: die tatsächliche Leitungsbandbreite hier ist 22,6 MBit/sec down und 2,1 MBit/sec up, ermittelt wurden 15,2/1,9. Der Unterschied im Downstream kann durch T-Entertain kommen (Live-TV und/oder Aufnahmen zu der Zeit).
 
Ebenfalls zum Vergleich habe ich per mobilem Hotspot (Huawei E585) einen kurzen Lauf im Vodafone-Netz gemacht (siehe links und hier), dort sind hier in Gütersloh im Up- wie Downstream deutlich über 2 MBit/sec drin. (T-Mobile und o2 sind hier nur spärlich zu empfangen, e+ als auch Vodafone hingegen gut, daher habe ich auf Vergleiche mit D1/o2 verzichtet. Nunja, nicht ganz. Tchibo/o2 habe ich später doch kurz angetestet.)

sipgate, GT Schalückstraße I

Was ich mithin bislang sagen kann: ein Bandbreitenwunder ist das e+-Netz nicht, ob das an verschlafenem Netzausbau oder zu starker Nutzung liegt, kann ich derzeit nicht beurteilen.
 
Die gemessenen Werte jedoch sind ernüchtend — wenngleich natürlich um Längen besser als das, was mein, schon wieder gedrosselter, o2-Zugang für’s gleiche Geld (derzeit) liefert: Bei o2 zahle ich für 200 MB derzeit zum ansonsten kostenlosen o2o 10,– Euro, die 200 MB reichen — da ich in Ermangelung vergleichbarer Apps unter WP8 das ganze Social-Gedöns über meine Androiden mache — dort ca. 10 Tage.
 
Aus den Werten würde ich, zumindest für Gütersloh, von einem durchschnittlichen Up- als auch Downstream von rd. 1 MBit/sec, mit eher deutlichen Spitzen nach unten im Downstream, bei Nutzung der simquadrat-SIM ausgehen.
 
Das ist weit entfernt von den 7 MBit/sec, die »bis zu« versprochen werden und daher wohl technisch möglich wären. Inwiefern dies wiederum auf die e+-Infrastruktur oder die von simquadrat/sipgate zurückzuführen ist, bleibt mir mangels Vergleichsmöglichkeit im e+-Netz unklar.
 
Angenehm ist, daß mobil im Upstream bislang immer (an innerstädtischen Orten) mehr als 1 MBit/sec zur Verfügung stand, für nicht-nur-Konsumenten wie mich ein wichtiger Aspekt. Auch positiv: selbst Inhouse habe ich, bei einem “HSDPA:8″-Netz (lt. Android), sehr guten Empfang — wie gesagt, hier in meiner Gütersloher Wohnung versagt D1 sogar bis zum Gesprächsabbruch und o2 ist nur marginal besser.
 
Negativ zu bewerten ist, ich muß darauf noch mal rumreiten, der deutliche Spalt zwischen beworbener, angeblich möglicher Bandbreite und der tatsächlich erreichbaren, insbesondere im Downstream. Das mag AGB-konform sein, man sollte sich darauf halt einstellen.

First Day Usage ...

Hinsichtlich der Smartphone-Nutzung also ist das »sipgate-Netz« nur bedingt tauglich. Was Voice angeht — das Alleinstellungsmerkmal von simquadrat ist ja die »mobile Festnetznummer« — muß ich erst einmal passen: zum einen telefoniere ich, bislang primär aus Kostengründen, nicht mobil. Klar, ich werde angerufen (meine bessere Hälfte hat eine entsprechende Flach-Ratte), aber mobil kommuniziere ich eher IP-basiert (Twitter, FB, eMail, ggf. Skype, Lync; und Viber neuerdings — auch wenn ich fürchte, das ist nur ein mindestens ebenso problematischer Dienst wie What’ App).

Was mich zu einer interessanten Frage bringt: was schließt sipgate bei simquadrat eigentlich aus? Erst in einem eher versteckten Dokument 344 stehen die lustigen Einschränkungen:

2. Datenflat 1000 MB Vertrag
2.1. Vertragsinhalt

Die Buchung eines Datenflat 1000 MB Vertrages bezieht sich auf nur eine konkrete SIM-Karte des sipgate Accounts des Kunden, d.h. für jede aktive SIM-Karte kann der Kunde eine 1000MB Datenflat dazubuchen.

Die Datenflat gilt für inländische, paketvermittelte Datennutzung. Die Nutzung von SMS over IP, Voice over IP und Video over IP ist nicht Gegenstand dieses Vertrages.

Die Maximale Geschwindigkeit beträgt 7,2 Mbit/s. Ab einer Datennutzung über 1000 MB/Kalendermonat wird die Geschwindigkeit auf max. 64 Kbit/s beschränkt.

Am Ende jeder Verbindung, mindestens aber nach 24 Stunden, runden wir auf den nächsten 100 KB-Block auf.

Der monatliche Grundpreis für den Datenflat 1000 MB Vertrag kann unter http://www.simquadrat.de/produkte abgerufen werden. Am Ende jeder Verbindung, mindestens aber nach 24 Stunden, rundet sipgate auf den nächsten 100KB-Block auf.

Da »Video over IP« natürlich jeglichen Video-Dienst (YouTube, Vimeo, MyVideo, Facebook, …) einschließt, ist das ein für Smartphones eher untauglicher Tarif; immerhin: Chat-Dienste werden nicht ausgeschlossen (»SMS« ist etwas komplett anderes als ein Chat). Heißt, im Endeffekt: schnall’ Dein VPN davor, und gut ist.

Voice

Da ich länger im Netz bin als alle diese Mobilfunkonkels und ich weiß, daß »Internet« mehr ist als Port 80, ist es mir nur ein marginales Problem, wenn sie VoIP und Co. sperren möchten — dank VPN zur heimischen Fritzbox nutze ich deren Netz wenn nötig nur für »paketvermittelte Datennutzung«; VoIP, Skype und Co. laufen da als Datenpakete (verschlüsselt) über das Mobilfunknetz, Thema durch. Schade, daß e+/sipgate da noch immer diesen stasiesken Drang haben, die Nutzung kontrollieren zu wollen — schon per geltendem Datenschutzrecht in Deutschland dürften sie in die »paketvermittelte Datennutzung« gewöhnlich nicht reingucken dürfen, ich kann nur hoffen, daß sipgate als Anbieter da genauso gesetzestreu ist wie bei den Meldeauflaugen zur geographischen Rufnummer …

Überhaupt, geographische Rufnummer. Das ist in Deutschland ja ein ziemlicher Mist. »Verliere« ich, z. B. durch Umzug, meine Adresse in einem Ortznetz, verliere ich auch den Anspruch auf jene — ggf. dem engeren Kreis seit Jahren bekannte — ortsnetzgebundene Rufnummer.

Die »persönliche Rufnummer« unter 0700 hingegen hat der Markt unbenutzbar gemacht, da sowohl für den Nutzer als auch für den Anrufer prohibitiv teurer.

Die »VoIP-Gasse« 032 wiederum hat die BNetzA nicht wirklich gefördert; weder ist eine Erreichbarkeit vorgeschrieben (und mithin auch nicht immer gegeben, so ist z. B. von sipgate aus 032 nicht erreichbar), noch wurde dem marktradikalen Tarifwucher Einhalt geboten: 032 ist keine geographische Rufnummer und mit dieser sonderbaren Begründung nicht »Festnetz« in vielen Tarifen — und so kassieren Anbieter effektiv von 0 bis unendlich für Verbindungen dorthin, so es überhaupt geht.

Mit ortsgebundenen Rufnummern habe ich so meine Erfahrungen; und nur um die Nummer zu be- einen Zweitwohnsitz zu unterhalten, ist etwas aufwendig. Toll ist, daß »Festnetznummern« in vielen Flats heute automatisch drin sind. Das bedeutet, daß dank simquadrat auch Anrufe auf mein Handy von Beginn an bei vielen Nutzern (meine Wohnungen in GT und B eingeschlossen) kostenlos sind. Allerdings kommt dieser Vorstoß in einer Zeit, in der »All-Net-Flats« oder zumindest Minutenguthaben in alle Netze fast schon obligatorisch auch bei Einsteigertarifen sind — und es bleibt der Makel, daß mit Umzug auch die mobile Festnetzrufnummer verloren geht, anders als grade bei einem Mobilfunkanschluß bisher.

Weniger toll ist denn auch, daß SMS/MMS zumindest derzeit kaum bis gar nicht (o2-Netz) gehen — und MMS wird gar nicht unterstützt. Auch Dienste wie What’s App straucheln, denn in D gibt es keine stationär-mobilen Rufnummern … eigentlich.

Vorläufiges Fazit

o2 can do: 50 MB/Monat als Smartphone-Tarif ...

Die Revolution findet eher nicht statt, denn sie kommt zu spät. Für mich ist die simquadrat-SIM von sipgate derzeit primär eines: ein günstiger IP-Tarif mit sinnvoll dimensioniertem Datenvolumen der »Internet-Flatrate« — o2 z. B. hat da leider wieder am Bedarf vorbei tarfidesignt, 50 MB pro Tag und nicht, wie o2 denkt, pro Monat, wären ok. (Zumal in den neuen Tarifen o2 noch drastischer drosselt, statt max. 64 kBit/sec (1x ISDN) gibt’s jetzt nach dem Inklusivvolumen nur noch 1990er Geschwindigkeit (32 kBit/sec). Vollkommen indiskutabel. Aber ich schweife ab.)
 
0,09 EUR, also 9 Cent, pro Minute oder SMS sind nicht so teuer wie in manchen anderen Tarifen (bei o2o zahle ich deutlich mehr) — ein Preisbrecher ist das aber auch nicht. Und als Komplettpaket betrachtet, bekomme ich z. B. bei Lidl für ebenfalls 9,95 EUR/Monat 400 All-Net-Minuten oder -SMS (400 »Einheiten« sind frei, danach 9 Cent je Minute/SMS) plus 300 MB.

Die Ortsrufnummer macht Weiterleitungen vom heimischen Festnetzanschluß günstig, und mit einer 030 im Display kann man zumindest anfangs Leute verwirren. Der Nachteil der Unportierbarkeit der Nummer allerdings bleibt, und während meine 0172… nun seit 15+ Jahren ein- und dieselbe ist (mittlerweile aber nicht mehr bei D2 beheimatet), haben sich die Festnetznummern in dieser Zeit mehrfach geändert, von 040… nach 05241… nach 030… — wobei ich ja derzeit tatsächlich halb-halb in GT und B lebe. Ohne eine Änderung der Richtlinien der BNetzA sehe ich für Otto-Normalverbraucher in der regionalen Rufnummer eher einen Nach- denn einen Vorteil.

Interessant wird es später, falls sipgate über simquadrat weitere Services anbietet, wie einen (kostenlos abrufbaren) AB mit zeitgesteuerter Schaltung, zeit-/rufnummer gesteuertem Anrufrouting (Anrufer von 08:00 und 18:00 immer nach Hause auf die Fritte, Anrufe generell nur von 9 bis 17 Uhr auf’s Handy lassen, ausgenommen die von der VIP-Liste, …). Ich denke, da spielt die Musik, und da sollte sipgate als sein eigener (virtueller) Mobilfunkprovider jetzt alle Fäden in der Hand haben — die Festnetzmobilnummer ist da, hoffe ich, nur das Zugpferd. Insofern werde ich wohl erst einmal dabei bleiben, denn die 9,95 EUR/Monat kann ich zumindest gut versurfen und dabei mir auch das e+-Netz mal genauer ansehen ;)