Telekoms DSL-Drosselpläne: starker Tobak

Gestern riß ich das Thema Telekom-Pläne zum Anschied von der DSL-Flatrate ja schon mal an, allerdings gibt es weitere Aspekte bei dem Thema, die zu betrachten sind.

tl;dr am Ende des Beitrages ;)

Netzausbaukosten

Die Telekom begründet die »Überlegungen« im Blog wie folgt:

Aber warum gibt es solche Überlegungen? Wie alle Netzbetreiber steht auch die Telekom vor einer großen Herausforderung: Auf der einen Seite wächst das Datenvolumen exponentiell. Die Netze müssen also massiv ausgebaut werden und das kostet Milliarden. Auf der anderen Seite kennen die Telekommunikationspreise seit Jahren nur eine Richtung: abwärts und das rasant.

Frage: welche Netze?

Beim Thema VDSL-Ausbau/höhere Bandbreiten für die Massen (sic!) beklagte sich die Deutsche Telekom bislang über die hohen Kosten, die notwendig wären, z. B. FTTH anzubieten. Sie möchte lieber ihre bestehende Infrastruktur mittels VDSL-Vektoring (G.vector) für höhere Kurzstreckenbanbreiten und ggf. höhere Reichweiten nachrüsten — auf Kosten des Line-Sharings, natürlich nur, weil es technisch nicht anders ginge. Daß dabei die Letzte Meile zwangsweise remonopolisiert würde, dürfte die Deutsche Telekom eher freuen denn erschrecken.
Nun ist aber dies eine Infrastruktur, die derzeit schon existiert — welcher Ausbau soll hier Kosten verursachen? Und warum hebt die Deutsche Telekom nicht die Grundgebühren entsprechend an; das verbuddelte Kupfer ändert sich nicht (naja, außer vielleicht an meinem VDSL21-Anschluß), ist hier also kein Kostenfaktor.
Natürlich muß man, wenn man mehr Kunden mit hohen Leitungsgeschwindigkeiten anbinden will, auch in seinen Backhaul sowie den Backbone und dessen Anbindung an andere Netze investieren. Dies sind aber »Wachstumsprobleme«; eine ordentliche Kalkulation sollte dafür sorgen, daß mehr Kunden auch soviel mehr Einnahmen bringen, daß diese neben den benötigten Investitionen noch noch ein Ergebniswachstum finanzieren.
Wer hingegen hingeht und Anschlüsse immer schneller machen, diese Geschwindigkeiten aber nur noch in homoöpathischen Dosen auch wirklich verfügbar machen will — der braucht in den Netzausbau gar nicht zu investieren. Dazu auch noch mal ein Zitat aus meinem G.vector-Beitrag:

Ein neuerer Artikel bringt es auf den Punkt:

Durch den Ausbau von Vectoring VDSL können vor allem ehemalige Monopolinhaber ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Betreibern von Breitbandkabelnetzen wie Kabel Deutschland oder Unitymedia KabelBW erhöhen, die Endkunden zum Teil bereits höhere Übertragungsgeschwindigkeiten anbieten, als sie über traditionelle VDSL2-Technik möglich sind.

Sofern die Deutsche Telekom ihre Pläne umsetzt und die Erlaubnis zu Vectoring bekommt, wird Deutschland Millionen von neuen 50+-MBit/sec-Anschlüssen bekommen — die nach kurzer Zeit unterhalb ISDN-Niveau rumkrebsen. Halleluja! Dennn falls mich meine Rechnenkünste mit »bc« nicht verlassen haben[1], entsprechen die im Raum stehenden 75 GB Übertragungsvolumen bei einer 16 MBit/sec-Anbindung grade einmal das Volumen eines halben Tages, sprich rd. 12 Stunden voller Bandbreite (Antwortpakete nicht mitgerechnet) — im Monat.

So weit hergeholt sind die Relationen auch nicht; schon heute steht in der Leistungsbeschreibung Entertain für die »Variante Fiber 100« (100/50 MBit/sec Up/Down per Glasfaser) folgende Begrenzung drin:

Ab einem übertragenen Datenvolumen (Down- und Upload) von 300 GB innerhalb eines Monats wird die Übertragungsgeschwindigkeit des Internet-Zugangs auf 3 Mbit/s für den Down- und Upload begrenzt. Die Zählung des übertragenen Datenvolumens beginnt jeden Monat mit dem Kalendertag der betriebsfähigen Bereitstellung des Anschlusses. Am gleichen Kalendertag des Folgemonats wird eine ggf. erfolgte Begrenzung wieder aufgehoben.

Mit Fiber 100 kann man demnach rechnerisch[2] immerhin knapp 0,3 Tage (rd. 8 Stunden also) mit voller Geschwindigkeit arbeiten — danach zahlt man für die technische Bereitstellung einer 100 MBit/sec-Leitung, über die nur noch 3 MBit/sec geliefert werden. Schon heute.

Entertain-Volumen inklusive?

»Inklusive wo?« Gestern gab’s auf twitter einen kurzen Tweetwechsel zwischen Christian Hans und mir im Nachgang des gestrigen Beitrages; da das mit den 140 Zeichen bei komplexeren Sachverhalten so eine Sache ist und sich durch den Blick in die Leistungsbeschreibung Entertain neue Aspekte ergeben haben, hier also die Weiterführung des Tweets im Nachbarmedium ;)

Nun denn; ja, IPTV der Telekom (»Entertain«) läuft technisch zum größten Teil (meines Wissens nach zumindest bei ADSL2/VDSL2) über das sogenannte VLAN8, allerdings wurde in der Vergangenheit der Entertain-Receiver nicht glücklich, wenn ich ihn nur mit VLAN8 verband. Sprich: einige Services laufen augenscheinlich auch über VLAN7, das »Internet-VLAN« der »Zielarchitektur«, wie das früher mal genannt wurde. für mich bedeutet dies, daß Verkehre, die vom Entertain-Receiver ausgelöst werden oder dort terminieren (was dank NAT mehr so nicht zu kontrollieren ist), selbstverständlich bei einem Entertain-Tarif nicht in die Volumenberechnung einfließen dürfen. Den Nachweis zu führen wird der Deutschen Telekom schwer fallen; bei den popeligen Inklusivvolumina, siehe oben, muß der Kunde eigentlich darauf bestehen.

Fakt ist aber auch, daß z. B. in den Entertain-Tarifen auf Glasfaserbasis der Entertain-Verkehr explizit nicht ausgenommen ist von der Berechnung. Jenachdem, wo man ansetzt, Korinthen zu kacken Verkehrsströme zu messen, ist die Einbeziehung von Entertains Multicast-Traffic einfach bis unmöglich — der fehlende Ausschluß aus der Berechnung allerdings ist real und kein vertrauensbildendes Zeichen.

Unklar bleibt denn auch, wie man seitens der Deutschen Telekom z. B. Videoload, Telekoms Video-on-Demand-Dienst, der per Entertain-Receiver nutzbar ist, abrechnen will; dieser Traffic geht höchstwahrscheinlich nicht über das Multicast-Netz/VLAN8, es ist eigentlich stinknormaler Unicast.
Gehen Videoload-Aktionen zu Lasten des »Inklusivvolumens«, ist das der Tod für diesen Dienst in Entertain; wird der Verkehr nicht berechnet, bevorzugte die Deutsche Telekom ihren eigenen VoD-Dienst gegenüber Lovefilm (Amazon), Google Play/YouTube (Google) und maxdome (ProSiebenSat.1 Media) — spätestens dann wäre neben der Bundesnetzagentur auch das Kartellamt anzurufen.

tl;dr und Fazit

Die diskutierten, nicht dementierten Inklusivvolumen sind lächerlich gering, bei bislang nicht limitierten Tarifen entsprächen sie ggf. einer Versechzigfachung (in Zahlen: 60) des Preises (naja, mehr einer entsprechenden Reduktion der Leistung; der Preis dürfte ja gleich bleiben).

Wie »guter« von »bösem« Verkehr getrennt werden soll, ist mindestens beim aktuellen »Entertain«-Angebot mehr als fraglich — die Netzneutralität würde bei der Telekom in jedem Falle beerdigt.

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[1] 16 MBit/sec entsprechen rd. 2 MByte/sec, mal 86400 Sekunden eines Tages macht rd. 169 GB/Tag (bei k>M>G>T mit jeweils durch 1024 geteilt).
[2] 100 MBit/sec entsprechend rd. 12,5 MByte/sec; in den 86400 Sekunden eines Tages ausgelastet, ergäbe dies ein unidirektionales Datenvolumen von rd. 1055 GByte oder 1,029 TByte.

3 thoughts on “Telekoms DSL-Drosselpläne: starker Tobak

  1. Spätestens seit der VoIP Option und jetzt Spotify und Joyn gibt es bei der Telekom (im Mobilfunk) schon keine Netzneutralität mehr.

    Ich gehe mal einige Jahre zurück, es war so 1998 oder so. Ich benutzten ISDN und ISDN Kanalbündlung und zahlte jeden Monat für ein paar Stunden Internet am Tag über 200 DM. Heute zahlt man für 50 Mbit/s mit allem drum und dran (Entertain und Telefonflat) etwa 45 Euro (Pi mal Daumen 90 DM). Ich weiss gar nicht, wie viel ich damals bereit gewesen wäre für 50 Mbit/s zu zahlen.

    Aktuell ist die Zahlung faktisch unabhängig von der Nutzung, auch wenn in einigen Tarifen schon Drosselungen angedroht werden, werden diese aktuell nicht umgesetzt.

    Jetzt steigt die Zahl der Breitbandnutzer und die Leute zahlen plötzlich weniger als sie für ihren Dialup zahlten und benutzen plötzlich alle wesentlich mehr Volumen. Das Netz leidet jetzt schon drunter. Youtube ist zu einigen Zeiten selbst mit meinem VDSL25 faktisch nutzlos.

    Früher ist 1&1 hin gegangen und hat “Powerusern” 100 Euro gegeben, damit sie eine Kündigung akzeptieren und nie wieder zu 1&1 gehen – dafür waren nicht viel mehr als 100 GB im Monat nötig.

    Nun suchen die Anbieter neue Möglichkeiten am wachsenden Breitbandhunger der Menschen zu verdienen – was ich aus unternehmerischer Sicht auch nachvollziehen kann, da das Backend ja auch skaliert werden muss. Ob jetzt diese angedrohten Drosselungen oder Nachkaufoptionen für mehr Bandbreiten sinnvoll ist oder nicht. Es wäre aber mit Sicherheit fairer als die Preise für alle Anschlüsse anzuheben. Die Flatrate bei meinem lieblings mongolian BBQ Restaurant ist in den letzten Jahren auch konstant gestiegen – sonst wäre der Laden vermutlich schon zu oder es würde nicht mehr die gewohnte Qualität geboten.

    Gut fand ich auch bei Twitter den Ruf: “Amazon sollte DSL Anschlüsse anbieten” (in Anbetracht an Amazon Musik und Lovefilm Volumen) … Amazon ist mit AWS, EC2, Galcier etc pp der Meister in nutzungsabhängiger Abrechnung und QoS.

    • Die Zeiten haben sich geändert, ja. Allerdings IMO nicht so, wie Du es darstellst.

      Um 1998 hatte ich dankenswerterweise schon ‘ne Standleitung über meinen damaligen Brötchengeber; auch nur ISDN und, da 1TR6 und die SPV Geschichte waren, war’s dial-up on demand, mit meinem ISDN-Anschluß als passive Seite, unserem Router als die Verbindung jeweils aufbauende. War relativ teuer, auch wenn ich damals noch weniger zu Hause 24/7 laufen hatte als heute; zum Glück war’s nicht mein Konto, welches dies bezahlen mußte.

      Gut, ISDN ist leitunsvermittelt, die Kapazität des Netzes war tatsächlich begrenzt. Wobei schon damals man hätte hingegen können und Verbindungen zwischen zwei Gegenstellen pauschal abrechnen — und bei 1TR6 war die SPV, die »semi-permanente Festverbindung« für IIRC 280,– DM im Monat, ja eigentlich genau diese Tarifoption.

      Ich zahle heute für VDSL21 (mehr gibt meine Leitung ja nicht mehr her; Preisanpassungen gibt die Telekom ja nicht weiter und neu VDSL zu buchen sieht man sich bei der Telekom außerstande — und da 93.000-Einwohner-Kuhdorf mit nur Indoor-VDSL-Ausbau gibt’s hier auch keine Wahlmöglichkeiten) und Entertain Comfort 63,94 EUR, also um und bei 120 DM/Monat. Sicherlich deutlich günstiger als ISDN damals, aber auch Lichtjahre vom Schnäppchen entfernt. (Mein congster-VDSL50 in Berlin liegt bei unter 40,– EUR/Monat.)

      Das YouTube-Problem ist ein politisches der Telekom, kein technisches. Sobald ich statt über den Telekom- über den Telefónica-Backbone gehe, existiert kein YouTube-Problem. Die Deutsche Telekom kommt hier ihrer Verpflichtung zur bedarfsadäquaten Kapazitätsbereitstellung nicht nach — derlei Herausforderungen zu meistern haben aber prinzipiell alle DSL-Anbieter, nur bei der Deutschen Telekom ist es augenscheinlich ein Problem. Sehr sonderbar; und so praktisch, hat man doch ein praktisches Beispiel für jeden User zur Hand, warum man jetzt wieder zur Abrechnung nach Volumen zurück muß.

      Fair sind Bandbreitenkontingente nicht, und das Problem lindern sie auch nicht. Denn rechnerisch sind die Netze im ersten Drittel des Monats nach wie vor voll (gut, Telekoms rollierender Abrechnungszeitraum entzerrt das etwas; ich gehe aber schon davon aus, daß die Mehrzahl der Anschlüsse im ersten Drittel eines Monats geschaltet wurden; Um-/Einzug ist meines Erachtens meistens zum 1. eines Monats, und zu dann möchte man auch seine Infrastruktur bereitgestellt haben), danach deutlich leerer, denn die Volumina sind aufgebraucht. Mit anderen Worten: an der YouTube-Problematik ändert es gar nichts, auch wenn der Traffic insgesamt sinken mag, die Peaks, und das ist das Maß, nachdem man seine Leitungen dimensionieren muß, bleiben.

      Ich denke eher, daß Telekom (und Wettbewerb) lange Zeit die Anpassung ihrer Kalkulationen versäumt haben und das wachsende Durchschnittsvolumen einerseits und die steigenden Endkundenbandbreiten andererseits nicht eingepreist wurden. Siehe VDSL50, doppeltes Volumen für 5,– EUR/Monat (VDSL25 -> VDSL50), hallo? o2 fährt ein ähnlich gewährliches Modell, da kostet bis zu VDSL50 statt ASDL16 (bis zu dreifaches Volumen) auch nur 5,– oder 10,– EUR/Monat. Und dieses Versäumnis wird jetzt versucht als Grund zu mißbrauchen, weshalb der Rückfall in die Internetsteinzeit, warum volumenbasierte Abrechnung alternativlos sei. Nur: nichts was jemals tatsächlich alternativlos.

      Es geht um eine 180-Grad-Wende beim Geschäftsmodell; anstatt einen Internet-Zugang anzubieten, möchte man bei den (deutschen) ISPs gerne lieber nur portbasierten Zugang verkaufen — 30,– für den Zugang mit glech welcher Geschwindigkeit, 5,– für das Telekomnetz verlassende Verkehre zu den TCP-Ports 80 & 443 (hier jetzt Fußnote 1, die unten in 3pt-Schrift in hellgrau auf weiß wie folgt lautet: Ausgenommen sind Peer-to-Peer-, VPN-, Streaming- sowie interaktive Dienste, ferner VoIP und Messaging. Siehe Fußnoten 23 bis 28.), 5,– für den Telekom-VPN-Dienst (der zwar so sicher wie DE-Mail ist, aber die einzige legale Möglichkeit für ein VPN), …

  2. Pingback: Pottblog

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