Digitale Enteignung und Netzneutralität

Auf netzwertig.com schreibt Martin Weigert über »Musikmiete« als Ersatz der Tonträgerepoche; ich habe dazu ein paar eigene Ansichten — sie folgen nach dem, wie es so schön heißt, »break« ;)

Grundtenor in Martin Weigerts Artikel ist folgendes:

Wenn ein ehemals leidenschaftlicher MP3-Sammler plötzlich gar nicht mehr weiß, was er mit einer lokalen Musikdatei anfangen soll, dann zeigt dies, wo die Zukunft des digitalen Musikkonsums liegt: in der Miete.

Zuerst einmal mag ich die Assoziation von »Musik-Streaming« mit dem klassischen Begriff der Miete. Mieten, das kennt man. Viele wohnen zur Miete, manchmal mietet man sich ein Kfz — z. B. einen Kastenwagen für den Umzug — und jedem ist klar, daß Miete etwas ganz anderes ist als Eigentum: meinen gekauften Rasenmäher (er ist nach vollständiger Bezahlung in mein Eigentum übergegangen) kann ich weiterverkaufen, verschenken, vererben oder auch verschrotten — mit einem gemieteten Rasenmäher mache ich besser nichts dergleichen, um nicht Subjekt in einer Ausgabe von »Barbera Salesch« zu werden.

Und hier endet dann auch schon für mich die Bereitschaft, Diensten, die mir nur gegen fortlaufende Bezahlung ein Nutzungsrecht einräumen, mein Geld zu geben. Sicherlich, ich habe beim Kauf einer LP oder CD seinerzeit auch nur das Eigentum am jeweiligen, konkreten — sic! — Tonträger erworben, nicht an der Musik an sich. Seit (ansatzweise) jeher aber darf ich mir von meinem legal erworbenen Tonträger eine sog. Privatkopie erstellen. Typischerweise geschah dies früher, um z. B. die Musik von der gekauften LP auf dem tragbaren Cassettenrecorder auch fern vom heimischen Plattenspieler zu konsumieren. Heute geschieht der Medienwechsel eher einmalig von CD nach MP3-Datei auf dem heimischen NAS und von dort ggf. auf CD oder Speicherkarte/-stick zur mobilen Nutzung. Für dieses Recht zahle ich beim Kauf von Aufnahmegerät und Leermedium — heute also überwiegend beim Erwerb von CD-Writer, Rohling, Festplatte und USB-Stick. Jenes wird wieder mein Eigentum, die gespeicherte Musik darauf nicht — aber ich bin frei darin, wo, wann und wie ich die Musik (nicht: »meine Musik«, denn an der habe ich weiterhin keine Rechte, außer, durch den Tonträgerkauf, sie anzuhören und, streng begrenzt, zu kopieren) hören will. Für mich ist die Wandlung vom CD- ins MP3-Format analog zur (analogen) Überspielung von Platte auf Compact Casette in den 70ern und 80ern; es ist nicht verlustfrei, aber (denn dies Recht wurde mir mit Tonträgerkauf ja nicht eingeräumt) auch keine »Bearbeitung« im rechtlichen Sinne.

Kurzum: man »kauft« generell keine Musik. Seit jeher hat man ein Nutzungsrecht, oder eher ein Abspielrecht, an den auf einem Tonträger gespeicherten Musikstücken erworben. Dieses ist früher ziemlich exklusiv auf den Besitzer des Tonträgers beschränkt gewesen, einfach, weil der Ton an das physikalische Medium gebunden war. Aber auch früher war es erlaubt, einen Tonträger Freunden und Bekannten auszuleihen — allerdings konnte man dann normalerweise die dort gespeicherte Musik nicht mehr selbst hören (außer, man hatte z. B. die LP vorher auf Cassette kopiert).
Seit MP3 und der zunehmenden Vernetzung dank des Internets ist das alles etwas schwieriger und leicher zugleich geworden — leichter, denn eine 5, 10 MB große Datei kann ich mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus senden. Die CD oder selbst ein USB-Stick/eine Micro-SD-Karte allerdings braucht mehrere Tage von Kontinent A nach Kontinent B, und das auch nur für relativ viel Geld. Schwerer, weil die Bindung ans physikalische Medium nicht mehr existiert — für Musik (letztlich für alle Daten) wurde quasi das Beamen schon erfunden, und das auch noch zum Nulltarif (naja, fast). Insofern ist es verständlich, daß die Musikindustrie hier Beschränkungen sehen wollte — was fehlt allerdings ist der Interessensausgleich. Denn auch der Kunde und Konsument hat Bedürfnisse und Rechte — faktische und gefühlte.

Wieso »digitale Enteignung«?

Diesen Begriff mag Martin Weigert nicht:

[…] Der Begriff “Digitale Enteignung” führt zu der meines Erachtens nach nicht ganz korrekten Assoziation, als handele es sich tatsächlich um den Besitz von Musik (in Wirklichkeit hat man lediglich das Recht erworben, sie nutzen – auch bei der CD), und als sei das Anhäufen von nicht mehr überblickbaren Mengen an Musik (oder anderen Besitztümern) per se etwas Positives. Ich wette, 95 Prozent deiner Musiksammlung hast du schon seit 5 oder mehr Jahren nicht mehr angehört. Der praktische Wert dieses “Besitzes” hält sich also in Grenzen. Aber hier kommt schon wieder der Minimalist in mir hervor… ;)

Wie schon dargelegt, die Musik kann man nicht kaufen. Das Medium, auf dem sie gespeichert ist, hingegen schon. Meine CDs, DVDs, BDs usw. werden einmal meine Nachkommen erben — meine iTunes- oder Kindle-Bibliothek löst sich mit meinem Tode auf, mit dem eingesetzten Geld wurde kein Wert geschaffen, aus Sicht der Erben habe ich es aus dem Fenster geschmissen.
Ob nun das »Anhäufen von nicht mehr überblickbaren Mengen an Musik (oder anderen Besitztümern) per se etwas Positives« ist, sei dahingestellt. Denn es geht in Wirklichkeit nicht um Besitz sondern Eigentum an dieser Stelle; beziehungsweise um den Gegensatz Eigentum vs. personalisiertes Nutzungsrecht. Und in Martin Weigerts schöner neuen Welt des Streamings hat der Nutzer eben keine Eigentumsrechte mehr; er ist Lizenznehmer, solange er zahlt.

Alle Dienste, die cloudbasiert nur selektiven virtuellen Zugang gegen Einwurf realer kleiner Münzen bieten, also z. B. Apples iTunes oder Amazon Kindle-Shop, die freuen sich über jeden verstorbenen Nutzer, denn mit dem Ableben sind auch alle seine »Käufe« gestorben — das Geld können die Dienste behalten, eine Leistung aber müssen sie nicht mehr erbringen.

Insofern sehe ich einen gravierenden Unterschied darin, ob ich eine CD kaufe, die Musik vom Träger »CD« in den Träger »Datei auf \\NAS\MP3« wandele und nach Belieben auf mein Handy, Tablet oder eine MP3-CD für’s Auto kopieren kann — oder ich ich mich an einen einzigen Dienst binde, dem monatlich z. B. 10,– Euro zahle und am Ende des Tages, wenn ich nicht mehr weiter zahlen will oder kann, auch nichts, außer einem Minus auf dem Konto, habe.
Davon abgesehen hat mein SqueezeCenter Zugriff auf meine auf dem NAS liegende Musikbibliothek, über ggf. VPN und Squeeze Player habe ich von jedem meiner Android-Geräte darauf Zugriff (inkl. Download-Option zum Offline hören).

Verbindung zur Netzneutralität

In einem früheren Kommentar ergänzt Martin Weigert:

Zum Thema Mainstream: Ich bevorzuge eigentlich elektronische Musik abseits vom Mainstream, und fahre auch da ganz gut mit Streamingdiensten – sofern ich eben Spotify, SoundCloud und Musicplayr in Kombination verwende (Musicplayr ist eigentlich nur ein alternatives Interface und Playlistentool für SoundCloud und YouTube).
 
Ein Dienst allein würde bisher nicht ausreichen, das stimmt.

Hier zeigt schon böse das, was die Telekom so gerne »Managed Services« schimpft, wieso es den Wettbewerb verzerrt: Der Traffic Martins zu Spotify wird in einer (angenommenen) Spotify-Option zu Martins (angenommenen) Telekom-Mobilfunkvertrag nicht berücksichtigt, schmälert sein »Internet-Volumen« nicht; was aber von SoundCloud und insbesondere von YouTube geholt (gestreamt) wird, schlägt voll zu. Gegen Ende des Monats werden dann SoundCloud, YouTube und andere Dienste wegen der Drosselung unbenutzbar. Ergo: kein Streamingdienst, der in Deutschland signifikant am Markt teilnehmen will, kommt daran vorbei, mit der Telekom eine Vereinbarung für eine »XYZ-Option« schließen, um ebenfalls bevorzugt behandelt zu werden — oder seine (zahlenden) Kunden können den Dienst nicht mehr nutzen, wenn deren Drosselung zuschlägt. Mitbewerber Spotify hat das Problem bei der Telekom nicht. Da zudem Vertragsfreiheit herrscht, kann die Telekom es einfach ablehnen, z. B. SoundCloud ähnliche Konditionen wie Spotify einzuräumen.
Dies ist eine erhebliche Änderung der Spielregeln, schon im Mobilfunk und aufgrund der neuen Telekom-AGB auch im Festnetz. Telekom-Kunden werden als Geisel genommen, um von Diensteanbietern Sonderzahlungen zu verlangen — und das »Internet« der Telekom-Kunden wird zum »Filternet«, zu einem von der Telekom kontrollierten Strauß genehmer, weil an die Telekom zahlender, Dienste.

tl;dr

Für mich ist Streaming, oder auch der »Kauf« von DRM-verseuchten Digitalkopien, keine Alternative zum Kauf hermömmlicher Medien, denn immerhin habe ich da einen physischen, und damit vererbbaren, Gegenwert. Ich kann die Daten von den Medien (LP, CD, DVD, BD) extrahieren (von DVD und BD in beschränktem Maße) und dort nutzen, wo ich es will, wann ich es will, und auch vollkommen offline, ungetrackt. Ich kann die Medien vererben, verkaufen. Ich habe Eigentum mit dem Kauf geschaffen. Alles das gibt es heute nicht für Käufe bei iTunes, im Kindle-Store oder anderen DRM-gläubigen Diensten. Gekaufte MP3-Dateien von Amazon MP3 sind hier vielleicht juristisch ein Sonderfall, im Handling stellen sie keinen dar, sodaß ich dort auch schon mal zuschlage — falls die CD als MP3-Download deutlich günstiger als die CD an sich ist.

Mal ganz davon ab: mein Auto kann kein Spotify, im ICE gibt’s eher so kein Netz und somit kein Spotify, und im Flugzeug ist es (in Europa zumindest; die USA haben es da deutlich besser) ähnlich.

»Music online« ist keine Alternative zur CD/MP3-Sammlung zu Hause; jene kann heute unkompliziert auch »online« genutzt werden, man hat die Vorteile beider Welten ohne die Nachteile der Bindung an einen Dienstanbieter …

Ebenfalls lesenswert zu diesem Thema: Warum digitale Musik beschiss ist.