Die Automobil-Industrie und der Fortschritt

Gestern rantete ich ja über Audi, heute ein paar Zahlen dazu — denn den Schuß haben »Sie« meines Erachtens wirklich nicht gehört …

Ausgangssituation: Audi A6 (4F), Modelljahr 2007, mit MMI (MultiMediaInterface) 2G »High« inkl. 6,5(?)-Zoll-Farbbildschirm (mit whoppigen 400×240 Pixeln heißt es), DVD-Navigation im Kofferraum und 6fach-CD-Wechsler im Handschuhfach, Bluetooh-Freisprecheinrichtung und einer Aufnahme für gerätespezifische Handy-Schalen in der Mittelarmlehne.

An sich eine schöne Kombination, denn die Basics tun: Navigation während man Radio oder CD hört, Telefonie per Freisprecheinrichtung, ja, mit Windows Phone als gekoppeltem Gerät hat man sogar Zugriff auf das (auf dem Telefon gespeicherte) Telefonbuch (Suchen im Unternehmenstelefonbuch tut hier dann wieder nicht, nunja). Mit HTC-Androiden hingegen: kein Telefonbuch, aber wichtige Nummern hat der Asiate wahrscheinlich sich eh’ ins Hirn gebrannt … Beim Nexus 4 sah’ ich wiederholt Synchronisationen der letzten Anrufe und zumindest Teilen des Telefonbuches; aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben: in der Regel werde ich im Auto angerufen, insofern ist das alles chic, aber nicht kriegsentscheidend für mich.

Viel mehr nervt mich, daß ich in dieser High-Tech-Umgebung, um »meine« Musik zu hören, noch immer auf Methoden des IT-Spätmittelalters zurückgreifen muß: um meine Musik zu hören, muß ich sie mir auf (immerhin) MP3-CDs brennen und jene rd. 700 MB (entspricht so ca. 4-5 Audio-CDs) fassende Scheibe in einen der 6 Slots des CD-Wechslers einlegen. Denn konsequenterweise führt der Wechsler weder SD-Slot noch USB-Port nach außen — dafür muß man von Audi für rd. 400 EUR das »Audi Music Interface« kaufen. Ist aber nur geil für iJünger, denn Androiden, die seit ca. 2 Jahren nicht mehr die SD-Karte als Massenspeicher bereitstellen, sondern per Media-Transfer-Protocol MTP sich als Medienspieler melden, unterstützt Audis AMI nicht. (Gleiches gilt für Windows Phone, welches seit Version 8 ebenfalls auf MTP setzt.)

An sich suche ich das, was eine Firma auf YouTube und dem Fratzenbuch in 2012 – leider für das MMI 3G (was eine vierfach höhere Auflösung bietet) – featurete (um es dann, augenscheinlich vor Marktreife, zu droppen): ein HDMI-to-MOST-Interface, mithilfe dessen ich die Bildschirmausgabe meines Androiden auf dem MMI-Screen darstellen kann. (MOST, Media Oriented Systems Transport, ist das Multimedia-Bus-System, welches in VW/Audi- als auch in vielen anderen Fahrzeugen eingesetzt wird.) Technisch dürfte es mittlerweile trivial sein, HDMI durch einen Scaler zu jagen (um von der Display- auf die MMI-Auflösung zu kommen) und das nach MPEG-1 zu wandeln — ich fürchte, das könnte prinzipiell der Raspberry. Fehlt nur noch die MOST-Anbindung und etwas Glue-Code, und dann sollte Android-Audio und -Video auf dem MMI eigentlich kein Problem sein?

Sicher, ein aktuelles HDlite/HD-Smartphone-Display auf 400×240 runtergerechnet, das ist kein schöner Anblick. Andererseits, muß ich wirklich die Straßennamen lesen können? Ich würde gerne die Offline-Navigation von Audi durch HERE Drive ersetzen oder auch durch Googles Navigationslösung — einfach, weil ich nicht jedes Jahr für rd. 300+ EUR eine neue DVD mit den Daten, die meine Telefone schon seit Monaten haben, kaufen möchte; einfach, weil ich es ziemlich leid bin, mich zu Geschäften navigieren zu lassen, die offensichtlich schon lange nicht mehr existieren oder die, die ich aktuelle suche, auf der DVD nicht finde, weil das Internet schon seit 1996 nicht mehr auf eine DVD paßt …

Anyway, ich versprach eingangs Zahlen: das AMI in der Audi-Version zu meinem vorhandenen MMI-Kram kostete mich aus der Bucht 349,– Euronen — plus Gang nach Canossa zum freundlichen VAG-Händler, um ggf. meine MMI-Software – kostenpflichtig – aktualisieren zu lassen. Ziemlich teuer, um einen USB-Slot anzuflanschen, IMHO …
Für 30,– EUR mehr könnte ich auch gleich einen FISCUBE-Multimedia-Adapter installieren — leider, da ich keinen A6 mit Rückfahrkamera, und damit FBAS-Eingang am Steuergerät, habe, bräuchte ich für alles, das Video betrifft, ein Display Interface mit FBAS-Eingang für läppische 649,– EUR, welches meins ohne FBAS ersetzte (was auch bei rd. 400,– EUR kostet). Natürlich bietet Audi kein Upgrade an, obwohl dies technisch ein Klacks wäre; lieber kassiert man seine Kunden doppelt ab — auf daß sie beim nächsten mal gleich die Vollausstattung nehmen? (Immerhin, für rd. 100,– EUR scheint eine Firma in Polen die Nachrüstung vorzunehmen; mal sehen, 2014 mag mich dazu bringen.)

Man kommentiere mich zurecht, aber ich finde, ein Auto aus 2007 ist 2013/2014 nicht wirklich alt (okay, 7 Jahre in der IT sind eine Ewigkeit — 7 Jahre im HiFi-Bereich hingegen?). Daß auch die Kfz-Hersteller die aus der IT so gehaßte Sell-&-Forget-Haltung einnehmen, ist aus meiner Sicht nicht zielführend. Um Analogien die Ehre zu geben: ich kaufe ein Haus, bei dem ich für jeden Raum einen Bus-Anschluß (MOST) vorgebe, dieses bezahle ich. Warum gibt es keinen Markt für Third-Party-Equipment für diesen, durchaus weit verbreiteten, Bus?

Irgendwie ist das alles Grütze. Mit den In-Car-Systemen und der Abkehr vom DIN-Schacht haben die Hersteller effektiv vielen Third-Party-Anbietern das Wasser abgegraben. Teilweise läuft es darauf hinaus, daß aufgrund meiner Mobiltelefon-Betriebssystempräferenz meine Wahl der Automarke eingeschränkt ist — und die EU reglementiert lieber die Menge von Zimt in bestimmten Nahrungsmitteln? Kneift mich bitte mal wer?