Freifunk und die Ideologie

Aktuell streitet man sich in der Freifunk-Community u. a. auf twitter um den rechten Glauben Weg …

Freifunk ist eine Idee. Eine Idee, die in 2014 gefühlt endlich »in der Masse« an­ge­kom­men ist; es gab in 2014 zumindest in Nordrhein-Westfalen doch einige Zeitungsartikel und Sendungen des WDR. Noch kenne ich keinen Bericht in der 19-Uhr-heute-Send­ung oder der 20-Uhr-tages­schau — was aber wohl auch besser ist ;-)

Screenshot

Kopfzeile freifunk.net.

Mit dem Wachstum der »Basis« ein­her­ge­hend kom­men auch neue Ideen hinzu, neue Ansätze, »Freifunk unters Volk zu bringen«. »Freifunk« hier definiert gemäß der Vision, wie sie auf freifunk.net niedergeschrieben steht:

Die Vision von frei­funk ist die Ver­breit­ung freier Netz­wer­ke, die De­mo­kra­ti­sier­ung der Kom­mu­ni­ka­tions­medien und die För­der­ung lokaler So­zial­struk­turen.

Nach mehreren, teils dis­kri­mi­nier­end auf­ge­faß­ten, Tweets alt­ein­ge­ses­sener Frei­fun­ker­innen und Frei­fun­kern, gibt es nun auf frei­funk.net im­mer­hin einen Text mit mehr als 140 Zeichen, der die Kri­tik­punk­te be­nennt: Eine Note zu frei­funk.

Interessant ist, daß schon im historischen Rückblick deutlich wird, daß technische Details zwischen Leipzig und Berlin unterschiedlich bewertet bzw. gewichtet wurden:

Im Gegensatz zum Berliner freifunk Projekt, in dem es zum früheren Zeitpunkt für mobile Endgeräte nur möglich war am Netzwerk teilzunehmen, wenn diese auch ihrerseits olsrd laufen hatten, entschieden wir uns in Leipzig für eine NAT und DHCP Lösung, bei der Clients ohne eigenes OLSRouting am Knoten eine temporäre Lease bekamen und folglich zum Mesh genattet wurden. Strittiger Kernpunkt dieser Debatte war, dass die Zuweisung einer DHCP Lease einen hierarchischen Vorgang darstellte und wir technische und soziale Hierarchien eigentlich gänzlich vermeiden wollten.

»OLSR« ist, grob vereinfacht, eine Software, die letztlich versucht, andere Geräte im (lokalen) Netz zu erreichen und darüber eine Routing­tabelle aufbaut und diese über jede Netz­werk­schnitt­stelle an die OLSR-Nach­barn übergibt. Es ist eine Kernfunktion von Maschen­netz­werken, die auf OLSR aufbauen — aber nichts, was Otto Nor­mal­ver­braucher auf seinem Endgerät installiert hätte. In Leipzig hat man damals also eine Kröte – Nutzung einer Technik (DHCP), die Koordination des Adressraums bedingt – geschluckt, um das Netz nutz­barer zu machen für den Nutzer:

Wir wollten, dass Menschen sich minimalinversiv, dezentralisiert und selbstbestimmt in ihrer Nachbarschaft vernetzen konnten […].

Dieses Ansinnen (allerdings mit »minimalinvasiv«) haben wir auch beim Güters­loher Frei­funk. Rund 10 Jahre später hat sich die Tech­no­lo­gie aller­dings stark ge­wan­delt, neue Pro­to­kolle für Maschen­netz­werke exis­tier­en und adres­sier­en einige Probleme ihrer Vor­läufer — und ge­ne­rieren dafür ggf. neue. Ins­be­sondere ist die For­schung zu Maschen­netz­werken nicht der Frei­funk-Ideo­lo­gie ver­pflich­tet, einen ab­solut de­zen­tralen An­satz zu ver­folgen — ein Kern­punkt der Kritik Einiger an ak­tu­ellen Ent­wicklun­gen.

Aktuell stört man sich an der Aufstellung des Freifunk Rheinland e. V. als ISP — der immerhin proaktiv auch für andere Freifunk-Communities in Deutschland als »IP-Exit« zu fungieren sich anbietet und damit es ermöglicht, auf VPN-Tunnel ins EU-Ausland zu verzichten. Aber das paßt augenscheinlich manchem ideologisch nicht:

Es ist paradox, da die freifunk Idee nicht nur dem Namen nach für “freies funken” steht, sondern auch konzeptionell niemals für ein reguliertes, zentralisiertes Gratis-Hot-Spot-Netz mit integriertem Vereins- oder ISP-Betrieb stand. Das geht nicht gut zusammen und darüber muss in der freifunk Community dringend geredet werden.

Screenshot

Innenstadt-Meshes, 29.01.15.

Um Knotenbetreiber, die ihren In­ter­net­zu­gang teilen wol­len, vor der Stör­er­haft­ung zu schüt­zen, ist ein zen­tra­li­sier­ter An­satz der­zeit eher ›al­ter­na­tiv­los‹, legt man das Ziel, daß Menschen sich mi­ni­mal­in­va­siv, de­zen­tra­li­siert und selbst­be­stimmt in ihrer Nach­bar­schaft ver­net­zen kön­nen sol­len, zu­grun­de; er wird im Übrigen min­des­tens auch im Berliner Frei­funk gefahren.

Ein Netz, welches nur durch neue Knoten in Funk­reich­weite erweitert werden kann, wird es schwer haben, sich zu entwickeln, gar zu wachsen. Die Erfahrung in Güters­loh ist jedenfalls, daß durch die Bild­ung eines ver­teilten Maschen­netz­werkes über zentrale An­lauf­stellen in Inter­net, ver­teilt auf mehrere Stand­orte, Pro­vider und Be­treiber, ein or­ga­nisches Wachs­tum ge­fördert wird, wo­durch sich im Netz kleine Maschen­in­seln bil­den. Einer macht in einer Straße den Anfang, andere ziehen nach.

Der anfängliche Beweg­grund, Teil eines freifunk-Netzes zu werden, ist meist das Be­dürf­nis einen kos­ten­losen oder kos­ten­güns­ti­gen Zu­gang zum Inter­net bereit zu stellen oder zu nutzen. Frei­funk-Ak­ti­vis­ten sehen jedoch viel­mehr die Mög­lich­keit sich mit­ein­an­der in freien Net­zen ver­bin­den zu kön­nen – ohne sich den Be­schrän­kun­gen kom­mer­zieller An­bieter un­tero­rdnen zu müssen.
Quelle: freifunk.net/vision

 
So stellt es sich auch bei uns in Gütersloh dar; die Idee des Teilens der An­schluß­band­brei­te wird po­si­tiv auf­gefaßt, unter der Vor­aus­setz­ung, daß man eben nicht für Voll­honks, die Un­sinn machen, be­langt werden kann. Was die weiter­gehen­den Mög­lich­keit­en angeht, ist das eher ein Henne-Ei-Problem: ohne in­ter­essan­te eigene Dienste ist der »Gate­way­dienst« ins große Inter­net die Haupt­attrak­tion. Im Jahr 2015 ist Web­space auch so günstig, daß es sich eigent­lich jede Bür­ger­ini­tia­tive leisten kann, zu 1Blu, 1&1 und wie sie alle heißen zu gehen und ein Word­press hos­ten zu las­sen — oder man geht zu tumblr.com, blogger.com oder word­press.com … Nichts­desto­trotz, unsere Vision bleibt ein auf Funk ba­sier­endes stadt­weites »Intra­net«, wel­ches auch bei Aus­fall sämt­licher Inter­net-In­fra­struk­tur noch funk­tioniert und in dem lokale Dienste zu­mindest ge­spiegelt sind. Aber das ist noch ein längerer Weg.

Ein ideales freifunk Mesh besteht aus autonomen, vom User selbst­ver­wal­te­ten Routern auf jedem ein­zel­nen Fen­ster­brett einer Strasse und eines Kiezes; eine Mesh­wolke, die die Men­schen lokal vernetzt – eine alter­native offene In­fra­struktur im urbanen Nach­bar­schafts­raum. Alle darüber hinaus von einzelnen an­ge­botene Dienste und Gate­ways inner­halb dieses Mesh’ sind quasi Extras, die sich das offene freifunk Netz ledig­lich als Trans­port­netz zu nutze machen.
Quelle: Knlx’s blog

 
Was ›Knix‹ aka @kinolux hier übersieht: bis auf jedem Fensterbrett ein Knoten steht, vergeht Zeit. Und zwar umso mehr, je weniger endbenutzertauglich die Installation eines solchen Knotens ist. (Über meine Erfahrung mit dem Setup meines Berliner Knotens habe ich ja schon geblogt.) Davon abgesehen funktioniert es technisch nicht »einfach so«. Klar, die Knotenbetreiber können an ihren Knoten lokal ihren Raspberry Pi hängen und Inhaltsanbieter im Mesh werden; ein Tablet auf der Straße allerdings wird es schwer haben, unter »Freifunk-SSID« online zu bleiben, wenn jeder Freifunk-Knoten unkoordiniert andere Daten sendet.

Innerhalb eines guten halben Jahres hat Freifunk Gütersloh im Kreis Gütersloh rund 170 Menschen überzeugen können, einen Freifunk-Knoten zu kaufen und aufzustellen. Dies, davon bin ich überzeugt, auch aufgrund der Vorteile, die unsere Gluon-, und damit batman_adv-basierte, Firmware für alle Parteien mit sich bringt. Ja, dabei setzen wir auf zentralisierte Dienste und auf Auto-Update. Jeder Knotenbetreiber kann Auto-Update allerdings deaktivieren — wir haben in Gütersloh genau einen(!) Knoten, der nicht am Auto-Update teilnimmt. Wenn ich dann sehe, daß in Leipzig nach 10 Jahren noch immer »nur« 140 Knoten aktiv sind (lt. Freifunk-Karte sogar nur 8), denke ich, daß wir doch mehr richtig als falsch gemacht haben.

Wenn man sich also die Historie in @kinolux’ Blogpost für Leipzig ansieht, stellt man fest, daß schon damals immer wieder Abwägungen getroffen wurden, wie stark man den Aspekt des Dezentralismus nun gewichten will, wenn er Usability oder Wachstum des Netzes im Wege steht. Ich denke, dies ist der richtige Ansatz; Freifunk muß sich anpassen können auf die jeweiligen Herausforderungen. 2004 war VAP (mehrere virtuelle WLAN-Netze über einen WLAN-Chip; sprich das, was Freifunk heute nutzt mit der Ad-Hoc- sowie der Accesspoint-SSID. Oder, vielleicht greifbarer, das, was seit der 72er Serie auch die Fritz-Box kann: Normales WLAN-Netz und ein davon getrenntes Gast-Netz) ein feuchter Traum; seit vielen Jahre ist es Realität. Somit sollte es genutzt werden, wird es ja auch (heute verbindet man sich zu einem Freifunk-Knoten wie zu jedem x-beliebigen Hotspot: einfach auf die SSID tippen/klicken). Hat man nun mehrere Knoten im Empfangsbereich, ist eine Koordination auf Netzebene unumgänglich; eine SSID bedingt einen technisch gleichwertigen Zugang, dies bezieht IP-Adressen, NAT-Exit-Gateways usw. ein — das gibt das globale Pro­to­koll vor. Gluon adres­siert dies — eben über die zentralen Gate­ways.
Beim test­weisen Versuch, einen zweiten Berliner Knoten zu in­stal­lier­en, bekam ich 10.230.38.240/28 für jenen als DHCP-Adress­raum zu­ge­wiesen. Da der in Funk­reich­weite stehen­de erste Knoten aus 10.230.9.97/27 ver­gibt (und lt. Status­seite ich mind. einen Nach­barn mit einem Mac­Book­Pro damit glück­lich mache — 1,3 GB in 4 Stunden ;)), würde das bei einer SSID (»berlin.freif­unk.net«) sicher »in­teressante« Ef­fek­te ergeben …

Was Freifunk als Bewegung sicherlich nicht brauchen kann, ist ein verknöchertes Festhalten an überkommenen Ideologien. Natürlich darf, und sollte, immer wieder hin­ter­fragt werden, warum man, die Vision vor Augen, dies und jenes macht. Weder Gluon, noch die RIPE-Mitgliedschaft des Freifunk Rheinland e. V., sind Lösungen für die Ewigkeit. Während der Förderverein (sic!) freie Netzwerke e. V. mehr auf »Ab­schreck­ung« setzt, hat Freifunk Rheinland e. V. schlicht jegliche Dis­kus­sion über den Status als »Provider« durch die RIPE-Mit­glied­schaft er­schlagen: mehr Provider als »Local Internet Registry« geht nicht, das ist ziemlich rechts­sicher (was eben die Re­gistrier­ung bei der BNetzA nach deren Aus­sage nicht ist).

Mögen sie noch so verdient sein: Ideologen haben aus meiner Sicht im heutigen Freifunk keinen Platz mehr. Pragmatismus ist gefragt, ohne die Ideale zu verraten.

3 thoughts on “Freifunk und die Ideologie

  1. Moin,
    kannst du nicht mal einen blogeintrag machen, in dem du ein bisschen erklärst, wie du deine netzwerk redundant ausgestattest hast ??? Das war ja mal ein großes thema, bin auf der suche nach der perfekten lösung.
    der alex

  2. Pingback: Bytespeicher Notizen KW05 | Bytespeicher

Comments are closed.