Kartellfreies Neuland

Großes Kino. Quasi altersmilde werdend, habe ich den Kampf gegen die Windmühle »Schultaschenrechner« eigentlich aufgegeben gehabt. Aber auch Altersmildheit hat Grenzen. Enge, wie ich merke.

Sollte ich jemand in den Besitz von ICBM-Steuerungstechnik gelangen, Bundes- und Landesbildungsministerium wären ganz hoch auf der Erstschlagsliste. Das aber eher aus generell-präventiven Erwägungen, denn als Elter setzte sich als Erkenntnis fest, was als Schüler noch ein diffuses Gefühl war: sie wissen nicht, was sie tun, haben in den letzten 80 Jahren nichts dazugelernt und außer um Symbolik geht es jenen Ministerinnen und Ministern nur ums eigene Profil.
G9 – G8/G9 – G8 generell – G9 Regel, G8 Ausnahme – G9. Wir sind da mittendrin, K1 war IIRC in der zweiten Klasse, die auf G8 mußte, K2 hat dafür dann in der ersten Klasse mit Englisch als erster Fremdsprache angefangen — zum gefühlten Ausgleich wurde dann auch bis quasi Ende Grundschule auf Rechtschreibung im Deutschunterricht verzichtet, wie auch auf das Erlernen einer »Standardschrift«.
Könnte ich es besser? Nunja, Neinsagen zu postfaktischen Studien, Neinsagen zu Experimenten mit Bildung, das könnte ich. Inklusive einer Diplomatie knapp auf dem Niveau Nordkoreas. Und mit der Dampfwalze durch den Haushaltsentwurf fahren, der das IT-Budget pro Schule unter dem meines eigenen Haushalts ansetzt … Aber Schüler sind keine Wähler, und die Omas (und die paar überlebenden Opas) verstehen halt 2% mehr Rente eher als 125% Unterfinanzierung der Schul-IT. Ich reg’ mich schon wieder auf …

Nun ist es also quasi amtlich: Casio und TI bilden kein Schul­ta­schen­rech­ner­kar­tell.

Warum komme ich gerade heute darauf? Nun, ich war just Freitag bis Sonntag auf einem gepflegten Beisammensein anderer IT-Nerdinnen und -Nerds, und habe am späten Sonntag abend dann erfahren, daß am Freitag der, von der Schule vorgegebene¹, Taschenrechner nicht mehr funktionierte. Konkret findet der »TI-Nspire CX« kein Betriebssystem mehr — was ein Lehrer bei der Einführung dem Vernehmen nach den Schülern als »known issue« auch kommunizierte.

Lese ich den Wikipedia-Beitrag zum Gerät, komme ich aus dem Kotzen gar nicht mehr heraus:

Der Rechner verfügt über einen NAND-Flash-Speicher von, im Vergleich zu anderen Rechnern, großen 32 MB und einen SDRAM mit ebenfalls 32 MB Speicher, der eine Kopie aller aktiven Dokumente und eine Kopie des Betriebssystems enthält. Der dritte Speicher ist ein NOR-Flash mit 512 kB, der Bootanweisungen für das Laden des Betriebssystems (Nucleus) enthält. Im Gegensatz zu anderen Grafikrechnern enthält der TI-Nspire keine Backup-Batterie, weshalb der Rechner bei Entfernen einer Batterie alle im SDRAM gespeicherten Daten „vergisst“, sodass bei Wiedereinlegen der Batterie das gesamte Betriebssystem aus dem NAND-Flash sowie alle Dokumente in den SDRAM geladen werden müssen, was etwa zwei Minuten dauert. Der Zweck dieses Vorgehens sind die technischen Eigenschaften von NAND-Flash und SDRAM-Arbeitsspeicher: NAND-Flash braucht keine Dauerversorgung an Strom, ist jedoch relativ langsam; SDRAM benötigt eine Grundspannung, ohne die er den gesamten Inhalt löscht, ist dafür aber sehr schnell, was dem flüssigen Arbeiten mit Dokumenten und Betriebssystem sehr dienlich ist.

Whow. Dieses Wunderwerk an Ingenieurskunst hat schon 10 Jahre auf dem Buckel (und kostet mit 320×240 Display freche 100+ EUR), hat aber keine Puf­fer­bat­terie? Und of­fen­sicht­lich auch Alz­heimer-NAND-Flash, denn wie sonst kommt die Mel­dung »Operating System Not Found. Install OS now« zustande?!

Bezeichnend, daß der Lehrkörper – immerhin der Bildungseinrichung, die dieses Gerät vorgegeben/›empfohlen‹ hat und um die Fehler im Design bescheid wissen muß – keine Lösung parat hatte; mein Kind mußte also die Unterrichtsstunde, trotz elterlichen Kaufs der überteuerten »Schulempfehlung«, ohne funktionales Arbeitsmittel bestreiten. Keine Hilfe seitens des Lehrkörpers, und das, obwohl die Unzuverlässigkeit dieses Gerätetyps weltweit bekannt ist. Das ist indiskutabel. Und es zeigt exemplarisch, auf welch niedrigem Niveau »IT« an deutschen Schulen ein Megafail ist :(

K1 hat sich nun schlau gemacht und wird Montag früh mit einer Mitschülerin versuchen, das »Betriebssystem« des Taschenrechners von einem baugleichen Modell zu übertragen.
Ich habe sie instruiert, mir in der Pause das Ergebnis mitzuteilen; sollte es nicht geklappt haben – und es ist mir sowas von egal, warum – werde ich bei Amazon ein per Prime verfügbares Modell bestellen mit Rechnungsanschrift der Schule, und der Schule entsprechend den ausgelegten Kaufpreis in Rechnung stellen. (Nein, ich erwarte nicht, das Geld jemals wieder zu sehen; aber es kann nicht sein, daß die Schule derlei technischen Mist zum Standard erhebt und sich gleichzeitig aus der Verantwortung schleicht.)
Es reicht einfach. Daß an jener Schule mein Kind auf, letztlich, meine Kosten unterrichtsrelevant surft, da keine WLAN-Instrastruktur vorhanden ist (kommt wohl zwischen 2018 und 2345) bei gleichzeitigem Handyverbot, geht mir schon lange gegen den Strich. Daß die Schule den Eltern offensichtlich untaugliche Hardware zu kaufen nahelegt, schlägt dem Faß den Boden aus. Dann muß das halt von unten aufgerollt werden, was da von oben an Bockmist ausgeschüttet wird; ich bin’s jedenfalls leid, das ewige (Elter-) Opfer zu sein: Ab 9:35 wird zurückgeschossen!

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¹ Uff. Also, die Schule hatte seinerzeit (vor zwei, drei Jahren?) jedenfalls Vorgaben gemacht, welches Gerät in Arbeiten verwenden werden dürfe. Und mein Kind soll nicht meinen Streit mit der Welt im Allgemeinen ausbaden, also fügt der Elter sich …