Das klimatische Wehklagen der Politiksaurier

Die FDP-Spitze hält nicht viel von Fridays-for-Future, Lindners »Profi«-Spruch dürfte noch bekannt sein. Aber dieser Tage setzten Lindner und Kubicki noch mal einen drauf.

Christian Lindner äußerte sich im »heute-journal« am 15.09. im ZDF mit diesem denkwürdigen Satz:

Wir können nicht die Probleme des Jahres 2040 bereits im Jahre 2020 lösen.

Allein: um im Jahre 2040 die Probleme gar nicht zu haben, hätten vor zig Jahren schon kleine Weichenstellungen erfolgen müssen — die sämtliche vergangenen Regierungskoalitionen aus SPD-FDP, CDU/CSU-FDP, SPD-Grünen, CDU/CSU-SPD und CDU/CSU-FDP lieber auf die lange Bank schoben.

Jetzt, 2019, ist fast schon eine komplette Neubaustrecke aus dem Boden zu stampfen. In Nullzeit, denn die Treibhausgasbombe tickt.

In einem Interview mit »Welt« hat Wolfgang Kubicki etwas interessantes gesagt, was in den deutschen Blätterwald, wie üblich stark verkürzt, so übertragen wurde:

Der Rigorismus der Klima-Bewegung wird irgendwann dazu führen, dass Konflikte nicht mehr friedlich ausgetragen werden, sondern im Zweifel gewalttätig

Ganz so hat er es nicht gesagt, aber die entsprechende Passage ist auch im Kontext der Lindnerschen Aussage interessant:

Frage: Was genau nervt Sie an diesen Forderungen [der Friday-for-Future-Bewegung]?

Kubicki: Der Rigorismus, mit der sie vorgetragen werden. Wenn Ihnen ein 16-Jähriger erklärt: Ist mir völlig egal, ob 800.000 Arbeitsplätze verloren gehen oder nicht, dann ist das bedenklich. Wir haben bei den Sondierungsgesprächen 2017 darüber gesprochen, wie wir die Klimaziele bis 2020 hätten einhalten können. Ergebnis: Wir hätten jedes Wochenende Fahrverbote aussprechen müssen, es hätte dann kein Mensch ins Auto steigen dürfen. Wir hätten außerdem ein flächendeckendes Tempolimit von 80 km/h verhängen müssen – auch für die Autobahnen. Und vieles weiteres mehr. Und jetzt stellen Sie sich vor, wir hätten das so umgesetzt: Es gäbe einen Aufstand in der Bevölkerung. Der Rigorismus der Klima-Bewegung wird irgendwann dazu führen, dass Konflikte nicht mehr friedlich ausgetragen werden, sondern im Zweifel gewalttätig.

Grafik

Treibhausgas-Emissionen in Deutschland seit 1990 nach Gasen

Das wirft irgendwie ein neues Licht auf die Partei, die lieber nicht regieren als schlecht regieren will. Und macht ziemlich kraß deutlich, warum Klimaschutz anders ist als eine Steuerreform — und was die Bundesbürger das kollektive Versagen von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen in diesem Bereich nun kostet: um 2017 – 10 Jahre nach dem Lippenbekenntnis der damaligen Regierung Merkel, die Treibhausgasemmissionen bis 2020 signifikant zu senken – noch das Klimaschutzziel für 2020 zu erreichen, wäre es mithin notwendig gewesen, den Individualverkehr an 2 von 7 Wochentagen komplett einzustellen. Nachvollziehbar: alle nicht eingesparten Tonnen an klimaschädlichen Substanzen aus den Jahren 2007 bis 2017 hätten bis 2020 plötzlich mit eingespart werden müssen. Das Umweltbundesamt hat hierzu neben Grafiken auch ein paar Hintergrundinfos.

Und jetzt mal ganz ehrlich: bis 2030 und 2050 soll Deutschland nun noch stärker seinen Ausstoß an schädlichen Treibhausgasen reduzieren — und da soll es reichen, daß das Benzin 3 Cent/Liter teurer wird‽

In einem Punkt hat Kubicki definitiv recht: wenn die Politik weiterhin so ignorant die Bürger anlügt und ihnen dann 2025 bis 2030 die Rechnung präsentierte, die schlimmer aussehen würde als das, auf das Kubicki/Lindner als potentielle Regierungspartei 2017 keinen Bock hatten, dürfte es vorbei sein mit Worten.

DAS läge aber nicht am »Rigorismus der Klima-Bewegung«, sondern der Ignoranz und Untätigkeit der Parteien.

Es muß jedenfalls endlich und umgehend Schluß mit der Vogel-Strauß-Politik und dem Schielen auf die nächste Wahl sein, wenn es um klimapolitische Themen geht.

Zur Eigensicherung in der aktuellen und kommenden Jahreszeit sollte man wohl viel mehr mit einer gelben Leuchtweste rumlaufen …

Hier noch ein Zusammenschnitt der Aussagen …



Und hier das aktualisierte »Scientists for Future«-Video: